Interview mit Florian Drücke

Florian Drücke studierte Rechtswissenschaften in Berlin und Toulon und schloss in Frankreich sein rechtswissenschaftliches Studium mit der Maîtrise ab. 2004 wurde er mit einer wettbewerbsrechtlichen Dissertation an der Universität Greifswald promoviert. Nach Referendariatsstationen unter anderem bei der Berliner Senatskanzlei und einer internationalen Medienkanzlei wurde der Rechtsanwalt im Januar 2006 Justiziar beim Bundesverband Musikindustrie. Dort übernahm er 2008 als Leiter Recht & Politik die Verantwortung für die Rechtsabteilung und das politische Lobbying. Seit dem 1. November 2010 ist Florian Drücke Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie.

 Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Ich glaube nicht, dass mir das Angst machen muss. Meiner Meinung nach sollten wir nur wissen, wann welche Daten gesammelt werden und ein Bewusstsein dafür entwickeln. Die Sensibilisierung für datenintensive Dienste und das Aufzeigen von  Handlungsoptionen zum Umgang mit persönlichen Informationen ist für mich eine zentrale Frage der Medienkompetenz, zweifelsohne eine der großen Herausforderungen der digitalen Revolution. Es kann zum Teil Unbehagen hervorrufen, wenn eine starke Konzentration von Daten erfolgt, insbesondere wenn die dahinter liegenden Prozesse intransparent sind. Hier geht es für mich nicht nur um die eigene Verantwortung, sondern auch um eine zentrale Aufgabe des Datenschutzes.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen bereitet?

Diese Aussage sollte uns zumindest zu denken geben. Man sollte sich damit auseinandersetzen, dass Daten im Netz gespeichert werden. Aus der analogen Zeit kennen wir den Ausspruch: „Erst denken – dann reden“. Das lässt sich in Teilen auch auf das Internet übertragen: Bestimmte Fotos oder Emails können einen eben wieder einholen. Unabhängig davon sollte es auch Möglichkeiten geben, der Verbreitung bestimmter Spuren im Netz Einhalt zu gebieten, beispielsweise wenn Persönlichkeitsrechte verletzt werden. „Das Netz vergisst nichts“ heißt ja nicht nur, dass das Netz nichts vergisst, was man selbst dort hinterlassen hat, sondern dass es auch nichts von dem vergisst, was andere dort über einen verbreiten. Schlussendlich führt das auch zu der grundsätzlichen Frage, ob und wie man Rechte im Internet durchsetzen kann.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Nein. „Die Netzgemeinde“ gibt es meines Erachtens schon lange nicht mehr. Ich glaube, dass es eine Netzgemeinde vor etwa zehn Jahren gab. Das war der harte Kern der „Nerds“ – der Menschen, die sich von Beginn an hundertprozentig mit dem Netz identifiziert haben. Heute ist das Netz ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft, was sich auch in den Debatten um das Internet zeigt und eine Ausdifferenzierung mit sich bringt.

Der Begriff der Netzgemeinde selbst verkommt im Wesentlichen zu einem Kampfbegriff. Man findet ihn – wie auch den Begriff der „Content-Mafia“ – eigentlich nur noch dort, wo polarisiert werden soll oder Klischees bedient werden.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Letztlich in der Mitte. Ein Medienminister müsste einen Ausgleich schaffen und eine Balance herstellen. In der öffentlichen Debatte wird die Freiheit im Netz oftmals gegen das geistige Eigentum, den Jugendschutz  oder auch die Persönlichkeitsrechte ausgespielt. Dabei hängen die Dinge meist eng miteinander zusammen und bedingen einander. So bedeutet Freiheit im Netz doch auch die Freiheit des Einzelnen, über die eigenen Inhalte verfügen zu können. Wenn jemand ohne Erlaubnis des Urhebers dessen Songs, Fotos oder Filme herunterlädt und nutzt, wird diese Freiheit bewusst beschnitten.

 Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Musiker als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Es geht nicht darum, Dinge 1:1 zu übertragen. Es geht darum, wesentliche Elemente zu übertragen und dabei ein grundsätzliches Verständnis über Regeln und Werte zu entwickeln, die in beiden Welten, offline wie online, gelten. Zum Beispiel sollte es Sache der Rechteinhaber sein darüber zu entscheiden, was er mit seinem Werk anstellen möchte. Er entscheidet, mit wem er zusammenarbeitet, welche Partnerschaften er eingeht ob er einen Vorschuss will bzw. zunächst ob und wie er mit seinem Schaffen Geld verdienen will. Die individuelle Strategie entscheidet letztlich auch über die Erlösströme und mithin „das Vergütungsmodell“.

Wenn die Frage sich allerdings auf „alternative Vergütungsmodelle à la Kulturflatrate“ bezieht, meine ich, dass wir das Pferd von der falschen Seite aufzäumen, wenn wir im Jahr 2012 eine solche Alternative als Allheilmittel proklamieren. In der Anfangszeit des Internets mag die Auseinandersetzung mit einer solch grundsätzlichen Veränderung des ökonomischen Umgangs noch mehr Berechtigung gehabt haben. Gerade wenn wir aber feststellen, dass das Internet ein Teil unserer Realität ist, sollte man sich auch an dieser Realität orientieren und nicht ständig versuchen sie auf den Kopf zu stellen.

Jeder Künstler kann sich seinen Mix zusammenstellen und muss seinen Weg finden, sich am Markt zu behaupten. Es ist nicht an der Gesellschaft, den Künstlern, Buchverlagen oder Produzenten vorzuschreiben über welche Kanäle und mit welchen „neuen Geschäftsmodellen“ sie ihre Kunst zu den Kunden und Fans bringen sollen. Auch aus diesem Grund lehne ich eine Kulturflatrate ab, die einer digitalen Bevormundung gleichkommen würde und uns in der Debatte immer wieder von anderen wichtigen Themen ablenkt.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Musik dauerhaft etablieren können?

 Das Crowdfunding ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig das Musikgeschäft heute ist und wie viele verschiedene Geschäftsmodelle und Finanzierungswege nebeneinander existieren können. Für einige ist das Crowdfunding sicher eine spannende Option, vor allem wenn man bereits über eine gewisse Bekanntheit verfügt. Unsere Erfahrung zeigt allerdings, dass Künstler über die Anschubfinanzierung hinaus eine professionelle und ganzheitliche Marktkompetenz suchen, die es ihnen erlaubt, sich auf den kreativen Schaffensprozess zu konzentrieren. Auch hier gilt: Jeder Künstler sollte seine Partner frei am Markt wählen und selbst entscheiden, wie sehr er in die eigene Vermarktung involviert sein möchte und welches finanzielle Risiko er bereit ist zu tragen. Gegenwärtig wird oft versucht, das eine gegen das andere auszuspielen, gerne auch als „alt gegen neu“ hochstilisiert.

Es gibt immer noch einige illegale Methoden und Programme für das Downloaden von Musik. Unterstützen Sie konkrete Modelle, um Urheberrechtsverletzungen zu unterbinden?

Es gibt nach wie vor zahlreiche Programme und Dienste zur illegalen Beschaffung bzw. Nutzung von Inhalten im Internet, die auch in erheblichem Umfang genutzt werden. Wenn man bedenkt, dass man heute ab 5 Euro pro Monat per Streaming-Abo auf bis zu 20 Millionen Musiktitel zugreifen kann, wird schnell deutlich, dass es hierbei vorrangig um die Gratisnutzung geht, mit der selbst das beste legale Angebot nicht konkurrieren kann. Neben dem rechtlichen Vorgehen gegen die illegale Nutzung setzen wir uns für Lösungen ein, die Abschreckung und Aufklärung miteinander verbinden, zum Beispiel die Einführung eines Warnmodells bei Rechtsverletzungen.

Unsere Forderung ist, dass man die zivilrechtliche Durchsetzung von Rechten durch eine Art Warnstufe beginnen sollte. Als Nutzer würde man eine Warnung vom Provider bekommen, in der man darauf hingewiesen wird, dass man gerade eine Rechtsverletzung begangen hat.

Wie wird sich die Bekämpfung von Urheberrechtsverletzungen Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Das hängt maßgeblich von der weiteren Ausgestaltung des Rechtsrahmens ab, ein Blick in die Kristallkugel ist da wenig hilfreich. Ich glaube vor allem, dass sich in der gesellschaftlichen Debatte weiter herauskristallisieren wird, dass es sich nicht um Lappalien handelt. Wir werden einen Schulterschluss über die verschiedenen Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft hinaus sehen, da ganz andere Teilnehmer feststellen werden, dass die Musikbranche nur deshalb im Mittelpunkt der Diskussion steht, weil sie als erste betroffen war.

Gerade junge Künstler nutzen die Plattform Internet, um ihre Musik einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Was spricht dagegen, dass Musik im Internet für jeden frei erhältlich ist?

Nichts spricht dagegen. Wenn ein Musiker den Wunsch hat, dass die von ihm eingespielte, von ihm selbst komponierte Musik im Internet frei erhältlich ist, dann ist das seine eigene Entscheidung. Er sollte aber auch wissen, wovon er leben möchte:  Musikverkäufe, Merchandise, Live-Shows oder Taxifahren. Nicht jeder möchte von seiner Musik leben, es gibt ja auch viele die sagen: „Tagsüber bin ich Beamter, und nach 18:00 Uhr mache ich Musik.“

Anders sieht es aus, wenn jemand eine professionelle Karriere anstrebt und mit Partnern zusammenarbeitet, die in ihn Aufmerksamkeit und Geld investieren: Der Künstler kann natürlich nicht die Vorschüsse einer Plattenfirma annehmen, seine Rechte übertragen und dann seine Musik kostenfrei im Netz zur Verfügung stellen. Beides wird nicht funktionieren.

Wie erwerben Sie selbst Musikdateien für Ihren privaten Gebrauch?

Ich kaufe aktuell Musik in jeder Form außer als Kassette. Ich würde jedem raten: Mach es wie beim Schuhkauf: Schau dir alles an und entscheide selbst, was dir gefällt und was zu dir persönlich passt! Schau dir die Downloadstores an, vergleiche die Streaming-Dienste, finde heraus, ob dir die neuen sozialen Möglichkeiten, Musik zu hören, Spaß machen – oder ob du nach wie vor eine CD oder eine Vinyl-Platte in den Händen halten möchtest. Wer sucht, der findet – allerdings hoffentlich legal.

Interview mit Thierry Chervel

VITA:

Thierry Chervel (*1957) hat Musikwissenschaften studiert. Er war Redakteur bei der taz (Film, Musik, Tagesthemen), Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Paris und Redakteur auf der Berliner Seite der Süddeutschen. Thierry Chervel ist Mitbegründer des Perlentauchers.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Ich glaube nicht, dass man davor Angst haben muss, dennoch gilt: Das Internet ist ein Raum der Freiheit, er kann aber auch zu einer Überwachungstechnik werden – gerade bei mobilen Geräten, die nur dann Sinn machen, wenn sie Bewegungsprofile aufzeichnen. Egal auf welchem Gerät man gerade unterwegs ist, hinterlässt man Spuren. Wenn Sie mich fragen: Es ist nicht so, dass ich vor Unternehmen wie Google Angst habe, aber diese Technologien können natürlich in der Hand von politischen Regimes sehr wohl zu Überwachungsmaßnahmen genutzt werden, und davor sollte man sich schon schützen. Es ist nicht schlecht, sich mit Anonymisierung zu befassen.

Das Netz vergisst nichts.Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen bereitet?

Ja, mir ist bekannt, dass es vielen Menschen Unbehagen verursacht und ich glaube auch, dass jeder das Internet gewissermaßen erst einmal „lernen“ muss. Man kann im Internet nicht genauso kommunizieren, wie man dies in einem privaten Gespräch tut. Das zeigt sich auch bei Diensten wie Facebook, die „halb öffentlich“ sind. Wir müssen einfach lernen nachzudenken, bevor wir uns äußern. Man sollte sich dessen bewusst sein, was man von sich preisgibt.

Häufig wird vonder Netzgemeindegesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Die Netzgemeinde sind wir alle. Ich bin ja der Ansicht, dass es gar nichts anderes mehr gibt, als das Internet. Dies gilt auf jeden Fall für den Medienbereich. Meiner Meinung nach sind Zeitungen „gedruckte“ und Fernsehbeiträge „gesendete“ Internetdateien. Es wird gerne von Repräsentanten der alten Medienöffentlichkeit so getan, als sei das Internet ein weiteres Medium. Aber es ist mehr als das, es ist – wie einst der Buchdruck – eine ganz neue Medientechnologie, die im Grunde alle anderen Medien in sich aufsaugt. Und es ist auch noch viel mehr als eine Medientechnologie, denn wir reden im selben Atemzug von selbstfahrenden Autos, wie wir vom Medienwandel reden. Die Digitalisierung leitet diese Veränderungen ein und revolutioniert fast alle Bereiche unseres Lebens.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Der Persönlichkeitsschutz ist dazu da, dass man sich frei im Internet bewegen kann. Der Schutz der Privatsphäre und die Freiheit des Internets bedingen einander. Ein Medienminister müsste sich meiner Meinung nach vor allem mit dem Medienwandel befassen – da ginge es in etwa darum, wie die Medienlandschaft in Deutschland angesichts der Digitalisierung neu zu gestalten wäre. Meiner Meinung nach könnte man zum Beispiel über die Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nachdenken, die sich meiner Meinung nach verändern müssen.

Nehmen wir den Streit um die Tagesschau-App: Die ganze Debatte wird dominiert von zwei Akteuren: von den öffentlich- rechtlichen Anstalten und von den Printinstituten. Der Streit über die Tagesschau- App und ihre “Print-Ähnlichkeit” ist lächerlich, weil Medienbegrifflichkeiten der vordigitalen Zeit in die digitale Zeit übertragen werden und weil beide Seiten versuchen, die Machtverhältnisse der vordigitalen Zeit im Netz zu zementieren. Ich sehe auch nicht ein, dass Inhalte, für die die Allgemeinheit schließlich bezahlt hat, unbedingt nach bestimmten Fristen wieder aus dem Internet gerissen werden sollten. Im Gegenteil: Inhalte, für die wir bezahlt haben, sollten uns auch zur Verfügung stehen. Diese Debatten zwischen Print und Anstalten greifen generell zu kurz: Die Medienlandschaft als Ganzes muss neu durchdacht werden: Die Businessmodelle aller privaten Medien stehen in Frage und es wäre darüber nachzudenken, ob sich die Idee des Öffentlich-Rechtlichen, die ja verfassungsrechtlich bei uns verankert ist, nicht modernisieren lässt: Man könnte sie zum Beispiel von den Anstalten lösen und die freiwerdenden Gelder im Ausschreibungsverfahren für innovative Medienprojekte nutzen. Ein Beispiel: Jeder Sender hat bisher ein Gesundheitssystem. Aber in einem Zeitalter, wo jeder jeden Sender sehen kann und der Empfang nicht mehr regional begrenzt ist, werden die Inhalte redundant. Könnte man hier nicht sparen und ein Internetprojekt entwickeln, wo man die öffentlich-rechtlichen Beiträge zum Thema bündelt. Im Moment läuft im März mal eine Sendung über Rheuma und im Oktober eine über Kopfschmerzen, aber man möchte ja in dem Moment die Information haben, in dem man ganz konkret von dem Symptom betroffen ist. Ein solchen Projekt könnte man zum Beispiel ausschreiben und es könnte sich jedes Medium darauf bewerben; ob es Zeitungskonzerne sind, ob es öffentlich-rechtliche Anstalten sind, ob es neue Internetmedien sind, wer auch immer. Dies könnte auch eine Debatte darüber entfachen, welche Medieninhalte die Öffentlichkeit überhaupt haben möchte.

Das ist schon wegen des demografischen Problems unumgänglich: Der Altersschnitt der Zuschauer beim ZDF ist 63 Jahre, aber bezahlen muss jeder 18-Jährige, der ein Handy hat. Durch die gleichzeitige Verfügbarkeit aller Sender in allen Regionen ergeben sich Einsparpotenziale, die für eine Renovierung der Medienlandschaft genutzt werden können. Wir leben heute in einem Zeitalter des Überflusses der Frequenzen und der Medieninhalte. Was ist also überhaupt noch das knappe Gut, das öffentlich-rechtlich gehegt und geschützt werden soll?

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler, als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Man kann die Regeln der realen Welt nicht auf die virtuelle Welt übertragen. Das heutige Urheberrecht setzt die Existenz physischer Kopien voraus. Aber in der Digitalisierung ist es so, dass man Inhalte verlustfrei kopieren kann. Die Folge ist, dass das man das Urheberrecht völlig anders denken muss. Das ist eine schwere Aufgabe, vor allem da dies nur auf internationaler Ebene geschehen kann. Die Piraten sollten zumindest die Impulse dazu geben, was das Urheberrecht angeht. Es ist wichtig, dass bestimmte internationale Handelsabschlüsse die von den alten Inhaltskonzernen dominiert werden, wie beispielsweise Acta, von einer neuen Öffentlichkeit genau beobachtet und zur Not auch begrenzt werden.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Ob das nur eine Phase ist, kann man schwer sagen. Plattformen wie Kickstarter haben in den USA bereits bewiesen, dass sie fähig sind, Projekte zu finanzieren. Es kommt mir auf jeden Fall faszinierend vor, nicht nur was kulturelle Projekte angeht. Auch Geschäftsideen holen sich auf diese Weise Geld.

Wie sollten wir mit den Herausforderungen der digitalisierten Kultur umgehen?

Wenn Sie Kultur im engeren Sinn meinen, dann stellt sich zum Beispiel die Frage des kulturellen Erbes. Das Internet bietet die Möglichkeit, es einer großen Zahl viel zugänglicher zu machen als es je war, aber das Gestrüpp des heutigen Urheberrechts verhindert dies zugleich. Bestimmte Teile des kulturellen Erbes gehen darüber verloren. Ich denke etwa an wichtige Kinofilme, die wegen ungeklärter Rechtefragen in den Archiven verschimmeln. Wie schön wäre es, wenn sie digitalisiert würden und der Allgemeinheit zu Verfügung stünden – kostenlos oder mit praktischen und realistischen Bezahlmodellen.

Warum ist das Leistungsschutzrecht für Zeitungs- und Zeitschriftenverleger  gefährlich für die Existenz des Perlentauchers?

Ob das Leistungsschutzrecht für die Existenz des Perlentauchers gefährlich wird, hängt davon ab, wie es formuliert wird. Es gibt Versionen, bei denen nur Suchmaschinen betroffen sind, und es gibt andere Versionen, bei denen sogenannte Aggregatoren eingeschlossen sind. Das Verlangen nach einem solchen Recht ist ein weiteres Symptom für das Bestreben der klassischen Medienakteure, die Machtverhältnisse der vordigitalen Ära im Zeitalter des Internets zu betonieren. So wie die Öffentlich-Rechtlichen ihre Zwangsgebühr bekommen haben, so wollen auch die Printmedien ihren Artenschutz. Das ist meiner Meinung nach auch problematisch für den Wettbewerb. Abgesehen davon steht dieses Leistungsschutzrecht dem Bedürfnis der Gesellschaft nach freier Zirkulation der Information entgegen.

Je mehr Rechte auf Werken oder Medieninhalten liegen, desto mehr wird der kulturellen Auseinandersetzung der Atem abgeschnürt. Diese Rechte waren einmal gedacht, die Entstehung von Kultur zu fördern, aber sie sind so massiv geworden, dass sie heute Kultur verhindern. Im Laufe der letzten 200 Jahre haben sich die Schutzfristen und Rechte soweit ausgedehnt, dass man sich kaum noch bewegen kann, wenn man irgendwie ein kulturelles Werk schaffen will. Wer eine Filmszene zitieren will, muss x verschiedene Rechteinhaber fragen, das ist einfach nicht praktikabel. Kultur ist nichts anderes als Auseinandersetzung mit älteren Werken. Ohne sie stirbt sie ab wie eine Pflanze ohne Humus. Leistungsschutzrechte auf Musikaufnahmen sind zum Beispiel auf 70 Jahre verlängert worden, ohne dass es überhaupt nur diskutiert wurde. Es ist einfach passiert.

Wenn man so etwas wie den Perlentaucher startet, muss man sich gut vernetzen. Man braucht Multiplikatoren. Wie gut waren Sie vorbereitet, bevor Sie auf Tauchstation gegangen sind?

Als wir angefangen haben, waren wir nicht unbedingt vorbereitet auf die Kämpfe – einerseits die juristischen, aber auch die publizistischen Streitigkeiten. Wir haben den Perlentaucher in aller Naivität begonnen. Ich glaube, wir hatten den Instinkt, zu sehen, dass das Internet Bündelung braucht. Das Internet handelt immer wieder vom Suchen und vom Finden. Dass man eine Presseschau ins Netz stellen und auf die Inhalte verlinken kann, ergab sich aus der Logik der Sache. Die alten Medien waren damals noch allein. Als wir den Perlentaucher gegründet haben, gab es noch nicht viel mehr als das; die Bloggerszene war noch nicht entstanden. Am Anfang dachten wir, dass es einfacher ist, ein Geschäftsmodell dafür zu finden. Auch wir mussten lernen, wie schwierig es ist „alleine“ mit Informationen Geld zu verdienen. Bei näherem Nachdenken hat sich gezeigt, dass die Medien eigentlich noch nie mit Informationen Geld verdient haben, sondern eigentlich nur dadurch, dass sie ein Bündel bereitgestellt haben. Eine Zeitung zum Beispiel organisiert einen regionalen Markt und dadurch, dass die Zeitung nach vielen Kämpfen mehr oder weniger ein Monopol hat, kann sie die Anzeigenpreise definieren. Darüber haben sie sich letztlich finanziert, nicht über die Inhalte.

Die juristischen Auseinandersetzungen haben uns viel Energie gekostet. Geld nicht so viel, denn die Gegenseite musste 90 Prozent der Kosten zahlen. Aber so ein Prozess kann einen in die Knie zwingen, und die Zeitungen waren sich dessen bewusst. Die Richter haben am Ende deutlich gemacht, dass Verstöße gegen das Zitatrecht grundsätzlich nur im Einzelfall geklärt werden können. Letztlich ist unser Geschäftsmodell, das uns die Zeitungen wegschlagen wollten, jedoch bestätigt worden.

Kreative arbeiten oft ohne Geld, wenn sie froh sind, wenn ihre Idee umgesetzt wird. Wie könnenKreativeim Netz Ihrer Meinung nach die Situation für sich verbessern?

Für jedes private Medium stellt sich heute das Problem des Geschäftsmodells. Die Funktionen haben sich entkoppelt, das heißt die Zeitungen haben ihre Rubrikenmärkte verloren, und diese waren essenziell für ihre Existenz. Die Informationen waren Teil des Bündels, immer schon querfinanziert. Und davon hing auch die Existenz der freien Journalisten ab. Jetzt ist es so, dass man als Journalist in den klassischen freien Medien kaum noch unterkommt, und der Job auch schlecht bezahlt wird, so dass man daraus eigentlich keine Existenz mehr gründen kann.

Für einen jungen Journalisten wäre mein Rat, sich auf ein spezifisches Thema zu fokussieren. Warum macht man nicht einen Blog zu einem bestimmten politischen Thema? Hier in Berlin gibt es durchaus Lücken für Blogs, weil die Lokalberichterstattung der Zeitungen zu schwach ist. Es gibt durchaus Bedarf – nehmen wir mal die Flughafengeschichte oder die S-Bahngeschichte. Es können auch kleinere Geschichten sein, die nur einzelne Stadtteile betreffen. Aber klar: Die Konkurrenz wird auch immer größer: Jeder ist sein eigener Autor, die Barrieren sind nicht mehr da, viele Leute können sich äußern, ohne dafür bezahlt werden zu müssen. Ich möchte nicht entmutigen: Wenn jemand Talent hat, dann hat er auch Chancen und wird sich durchsetzen. Aber dieser jemand muss sich schon überlegen, wie er das anstellt.

Nichts ist meiner Meinung nach besser für den Anfang als ein eigens Blog:  Wir brauchen dringend Blogs in Berlin zu lokalen Themen, wir brauchen Blogs zu Kulturthemen, zu Tanz, zur Musik, zu Architektur. Aber letztlich gilt natürlich: Man muss mit dem loslegen, was einen interessiert. Und wenn Sie sich für Medien interessieren, dann legen sie in Gottes Namen mit Medien los. Es gibt ja das Bildblog, das von Stefan Niggemeier betrieben wird, aber es gibt beispielsweise kein kritisches Blog zu ARD und ZDF. Eine große Lücke!

 

Interview mit Zoë Beck

VITA:

Zoë Beck (*1975) wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Sie arbeitet als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte “Bester Kurzkrimi”. 2011 war sie wieder mit einem Kurzkrimi nominiert, “Das alte Kind” war auf der Shortlist für den Friedrich-Glauser-Preis Sparte “Bester Roman”. “Das zerbrochene Fenster” wurde von der Jury der KrimiZEITBestenliste unter die zehn besten Kriminalromane im September 2012 gewählt.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Unsere Daten werden ständig überall gesammelt, mit und ohne Internet. Schön geht anders. Wo man Widerspruch einlegen kann, sollte man es tun. Die Angst vorm gläsernen Bürger ist dabei älter als die sozialen Netzwerke. Das sollte man nicht vergessen.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen bereitet?

Unbehagen? Ich denke eher, es hat nicht nur Nachteile (Sammlung personenbezogener Daten etc.) sondern in anderen Zusammenhängen auch wieder Vorteile. Pressemeldungen, Äußerungen von Politikern oder Firmen etc. können nicht einfach zurückgezogen und verändert neu eingestellt werden, ohne dass Spuren bleiben.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Ja, die gibt es. Wobei klar sein muss, dass nicht jeder, der einen Twitter-Account hat, auch sofort „die Netzgemeinde“ repräsentiert. Es gab letztens einen Artikel von Sascha Lobo zu dem Thema.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern? Sehen Sie einen „goldenen Mittelweg“?

Wenn ich den wüsste, würde ich mich als Medienministerin bewerben.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Ich habe da keine Antwort. Das Thema wird nicht umsonst sehr kontrovers diskutiert, und jeder Kongress, den ich dazu bisher dazu besucht habe, jeder Workshop blieb vernünftige Antworten schuldig. Das hat u.a. auch damit zu tun, dass die Filmindustrie andere Probleme hat als die Musikindustrie und die Buchbranche … Und die Urheber sind entsprechend sehr unterschiedlich betroffen.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Ich denke schon. Wenn ich an das Beispiel Amanda Palmer denke, kann ich nur hoffen, dass es Schule macht. Ich glaube, Crowdfunding wird seinen Platz neben den klassischen Kanälen finden.

Wie lange wird es noch dauern, bis die Arbeit der „Blogger“ genauso anerkannt wird, wie die Arbeit derer, die von einem Verlag oder einer Zeitung bezahlt werden?

Bezieht sich das auf die Vergütung? Wenn wir bereit sind, für Inhalte im Netz zu zahlen. Wenn es um die Anerkennung der Qualität geht, denke ich, dass die bereits da ist.

Unter welchen Umständen würden Sie als Autorin auf einen klassischen Verlag verzichten?

Wenn es ums Veröffentlichen von Texten geht, die vermeintlich nicht marktgängig genug sind.

Inwieweit hat die Digitalisierung den Beruf des „Künstlers“ verändert?

Mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken, da für eine Veröffentlichung keine Bindung an die Industrie mehr nötig ist. Gleichzeitig besonders in der Musik finanzielle Verluste.

Durch die Chancen im Netz haben Sie die Möglichkeit, sich besser zu vernetzen und zu vermarkten. Brauchen Künstler im digitalen Zeitalter eine Agentur, die sie für Social Media fit macht?

Das ist eine Typenfrage. Manche wissen auch ohne Agentur sehr gut, wie sie sich im Netz bewegen können/sollten. Wer unsicher ist, Berührungsängste hat oder schlicht nicht so viel Zeit investieren will, sollte sich auf jeden Fall beraten lassen.

Interview mit Stefan Sichermann

VITA:
Stefan Sichermann (*1980) studierte Alte Geschichte und Englische Linguistik in Erlangen und arbeitete anschließend als Werbetexter in Hamburg. Am 28. Oktober 2008 gründete er die Online-Satire-Zeitung “Der Postillon”. Seit 2011 schreibt, managt und vermarktet er den Postillon hauptberuflich. Im Jahr 2012 ging mit “Postillon24″ ein eigener YouTube-Kanal mit Satirenachrichten im Fernsehformat ans Netz.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Man kann sich ja auch einfach geschmeichelt fühlen, dass sich überhaupt jemand für einen interessiert.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen verursacht?

Unsinn! Das gleiche sagt man über Elefanten. Und vor denen hat ja auch niemand Angst.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Wenn mit “Netzgemeinde” die 75,6 Prozent der Bevölkerung gemeint sind, die inzwischen im Netz sind, dann passt der Begriff eigentlich nicht mehr. Es gibt allerdings immer noch eine erstaunlich große “Offline-Gemeinde”.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Wenn wir einen Medienminister hätten, würde er selbstverständlich auf der Seite stehen, auf der jeder Minister steht: Auf der Seite der Wirtschaft.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Ich stelle fest, dass das klassische Modell der guten alten Bannerwerbung sehr gut funktioniert – vorausgesetzt, man arbeitet allein und hat 5 Zillionen Besucher pro Tag. Leistungsschutzrecht ist Mist und an Bezahlschranken glaube ich auch nicht, weil die das Seitenwachstum behindern.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Es wird wohl ein Faktor für Nischen- und Liebhaberprojekte bleiben. Meine eigenen Erfahrungen mit Crowdsourcing wie etwa Flattr sind eher durchwachsen.

Satire ist für die Betroffenen oft verletzend. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Kunst und den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen? Wie weit würden Sie für einen guten Artikel gehen?

Ich finde, dass Satire so ziemlich alles darf. Ich persönlich muss nicht jeden noch so geschmacklosen Witz auf Kosten anderer machen. Die Grenze ist also da, wo der Satiriker sie zieht.

Man gewinnt den Eindruck, dass sich Prominente schnell juristisch wehren, wenn diese aufs Korn genommen werden. Haben Sie auch damit zu kämpfen oder lassen Sie manche Online-Artikel vor der Veröffentlichung von einem Anwalt prüfen?

Gegen meine Artikel ist noch nie ein Prominenter vorgegangen. Das mag zum einen daran liegen, dass in Postillon-Beiträgen selten grundlos draufgedroschen wird, zum anderen ist es nicht gut für das Image eines Prominenten, Humorlosigkeit zu demonstrieren. Bislang wurde noch kein Postillon-Artikel von einem Anwalt geprüft.

Sie haben einen Artikel über die „Offline-Süchtigen“ geschrieben. Besteht  Chance auf Heilung?

Es ist beruhigend zu sehen, dass Offline-Süchtige aus demographischen Gründen langsam aber sicher aussterben. Wussten Sie, dass nahezu 0 Prozent der Offline-Süchtigen den Postillon lesen? Erschreckend.

Wenn sich zwei Menschen kennenlernen, und der eine lebt völlig unvernetzt und der andere twittert rund um die Uhr – Passen diese Menschen überhaupt noch zusammen? Ist ein Sozialleben ohne Netzanschluss in der Zukunft überhaupt denkbar?

Ein Sozialleben ohne Netzanschluss ist theoretisch gesehen denkbar, wird sich dann jedoch auf wilden, hemmungslosen Sex beschränken müssen.

Interview mit Ulrike Langer

VITA:

Ulrike Langer (*1962) ist freie Auslandskorrespondentin in Seattle und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit digitalen Innovationen in Journalismus und Medien. Sie betreibt das Blog medialdigital und gehört zu den Herausgebern des Debattenportals Vocer. Ulrike Langer publiziert vor allem in Fachmedien (u.a. Mediummagazin, Horizont), ist Rednerin und Diskutantin auf Kongressen und Seminaren und berät Medien, Journalisten und Organisationen zu digitalen Innovationsthemen.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Man kann einiges dafür tun, um sich anonymer im Netz zu bewegen. Dazu gehört zum Beispiel, regelmäßig seine Cookies zu löschen, wenn es einem nicht geheuer ist, dass Werbung z.B. von Webshops eingeblendet wird, in denen man neulich war. Man verzichtet dabei allerdings auch auf ein Stück Bequemlichkeit, weil dann z.B. Eingabeformulare keine Vorschläge mehr machen, die man nur noch anzuklicken braucht. Noch ein Stück mehr Anonymität verschaffen Proxyserver, welche die eigene IP-Adresse maskieren. Generell wird aber in klassischen Medien zu viel Angst vor kommerzieller Datensammelei geschürt. Kommerzielle Anbieter wie Google oder Facebook haben kein Interesse an der Identität einzelner Nutzer. Sie wollen möglichst passgenau Werbung ausliefern – an wen im Einzelnen, ist dabei egal. Hingegeben wird über die Datensammelei von staatlicher Seite – zum Beispiel die Vorratsdatenspeicherung – in den Medien eher zu wenig aufgeklärt.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen verursacht?

Tut sie das? Mir würde es viel größeres Unbehagen bereiten – eigentlich wäre Panik der passendere Ausdruck! – wenn das Netz plötzlich vergessen würde, wo ich welche Daten gespeichert habe. Ich reise sehr viel und bin in letzter Zeit häufig umgezogen, und habe mich ich Zuge dessen von einer Menge materiellem Besitz getrennt. Fast mein gesamtes berufliches Archiv, viele weitere Dokumente, meine Foto- und meine Musiksammlung befinden sich in der “Cloud”. Für vieles gibt es gibt natürlich Backups auf Offline-Datenspeichern. Zu wissen, dass ich jederzeit meinen Laptop und eine Rollkoffer packen und losreisen kann, ohne mich zu sorgen, ob ich alles Wichtige vorher auf USB-Sticks gezogen habe, ist eine ungeheure Bequemlichkeit, die ich nicht mehr missen möchte. Die Frage impliziert wohl auch, dass manche Menschen im Nachhinein manches lieber nicht ins Netz geschrieben hätten. Dagegen hilft: vor dem Abschicken nochmal nachdenken. Doch ein Recht auf Vergessen im Internet könnte es nur bei massiven Eingriffen in den Bestandsschutz des digitalen Kollektivs geben, es würde das Internet löchrig wie einen Schweizer Käse machen – ähnlich hässlich und unbrauchbar wie manche durch Verpixelung verunstalteten Straßenzüge beim deutschen Google Street View.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Der Begriff Netzgemeinde ist ähnlich sinnfrei wie eine “analoge” Gemeinde oder die Gemeinde der Stromanschlussbesitzer. Das Internet ist allgegenwärtige Infrastruktur und viele seiner Nutzer haben außer einem Internetanschluss überhaupt nichts gemeinsam. Eine Netzgemeinde gab es höchstens in den allerersten Pionierjahren, als es noch keine AOL Disketten als Beilagen in Zeitschriften gab. Der Begriff Netzgemeinde ist außerdem inzwischen negativ besetzt. Häufig wird er von Massenmedien als Synonym für einen irgendwie bedrohlichen anonymen Pöbel benutzt. Es zeugt von Denkfaulheit, wenn Journalisten sich nicht die Mühe machen, eine Interessengruppierung oder Aktivisten für eine bestimmte Sache näher zu definieren als über den Umstand, dass sie das Netz benutzen.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Das klingt nach zwei unvereinbaren Extremen, aber tatsächlich schließen sich beide Forderungen nicht aus. Das Internet ist keineswegs jener rechtsfreie Raum, der so oft herbeigeredet wird. Beleidigungen, Angriffe auf die Menschenwürde, Identitätsdiebstahl, Urheberrechtsverletzungen – das ist alles online ebenso strafbar wie offline. Eine andere Frage ist, ob eine Strafverfolgung im Einzelfall möglich ist. Diese Hürde ist allerdings nicht auf das Netz beschränkt, sonst wäre es nicht so schwierig, rechtswidriges Telefonmarketing (Kaltakquise) wirksam einzudämmen. Die Freiheit im Netz wiederum ist unbedingt erhaltenswert, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, ein ähnlich zensiertes Netz wie in Diktaturen zu bekommen. Zur Freiheit im Netz gehört für mich auch das Thema Netzneutralität. Wir dürfen es nicht zulassen, dass künftig kommerzielle Interessen bestimmen, dass und welche Datenflüsse Vorrang vor anderen haben sollen.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Ein erster Schritt wäre ein Verbot von Total-Buyout-Klauseln, die mittlerweile viele Zeitungs- und Zeitschriftenverlage den Urhebern (freien Journalisten) zwangsweise auferlegen. Die nutzen niemandem, außer den Verlagen. Ein zweiter Schritt wäre die Verhinderung des Leistungsschutzrechts für Presseverleger, das ebenfalls den Partikularinteressen einer Lobby zu Lasten aller anderen Gruppen dient. Danach können wir ein größeres Fass aufmachen, das wäre die Reform des Urheberrechts, das momentan ebenfalls vor allem die Verwerter von Urheberrechten begünstigt. Ich glaube, die Urheber sollten mehr Autonomie haben und mehr Verantwortung tragen bei der Entscheidung, wem sie welche Inhalte zu welchen Bedingungen zur Verfügung stellen wollen. Creative Commons Lizenzen ermöglichen diese Freiheit. Leider werden sie in der klassischen Kultur- und Medienwelt eher selten genutzt. Was beim Urheberrecht – anders als beim Persönlichkeitsschutzrecht! – nicht funktioniert, ist eine Übertragung von analog zu digital. Das führt nur zu Begriffsverwirrungen und Kampfbegriffen wie “Raubkopie” oder “geistiges Eigentum”. Ob ich ein Buch aus der Bibliothek stehle und es deshalb kein anderer mehr ausleihen kann, ist nicht das Gleiche, wie wenn ich eine digitale Kopie davon ziehe und das Buch auf diese Weise vervielfältige.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Als zusätzliche Erlösquelle für Kulturschaffende wahrscheinlich, als einzige wohl kaum. Dabei kommt es nicht nur auf das Projekt an, sondern vor allem auch auf denjenigen, der Geld einsammeln will. Wer auf Crowdfunding setzt, muss seine Nutzergemeinde selbst mitbringen und sehr gut vernetzt sein. Wer bereits einen Namen hat oder auch, wer es schafft, mit Kostproben seines Könnens genügend Aufmerksamkeit zu erzielen, dem erleichtern Plattform wie Kickstarter oder Startnext die technische Abwicklung des Vorgangs Crowdfunding. Wer als unbekannte Größe im Netz diese Voraussetzungen nicht erfüllt, wird mit Crowdfunding zwangsläufig scheitern.

Früher war es doch so: Man hat ein Buch geschrieben und anschließend einen Verlag gesucht. Besteht der Vorteil von Self-Publishing darin, dass der Autor eine engere Bindung zum Leser aufbauen kann?

Ja, und zwar nicht erst nach dem Schreiben, sondern auch schon bei der Themenfindung und während des Schreibens. Das heißt nicht, dass die Nutzer am Buch mitschreiben, aber ob überhaupt ein Interesse für ein bestimmtes Thema besteht, und ob sich das Buch in eine relevante Richtung entwickelt, lässt sich so ohne Marketingaufwand herausfinden. Das ideale selbst publizierte Buch ist im Grunde eines, das auf einer Serie von Blogbeiträgen aufbaut, unter denen in den Kommentaren immer wieder die Bitte aufkam, dieses Thema doch auch einmal in einem Buch zu vertiefen.

Was können Autoren ihrer Meinung nach überhaupt vom Self-Publishing erwarten?

Zumindest eine interessante Erfahrung, hoffentlich viel Feedback und bei entsprechendem Durchhaltevermögen am Ende auch ein Manuskript, dass man als Alternative natürlich auch Verlagen vorlegen kann, wenn sich das Self-Publishing doch als schwierig erweist. Im Idealfall verkauft man auf diese Weise viele Ausgaben eines Buchs oder eines längeren Essays. Das ist bisher allerdings nur wenigen Autoren gelungen.

Was halten Sie von Blogeinnahmequellen wie flattr oder kachingle?

Nach anfänglichem hohen Interesse inzwischen nicht mehr viel. Diejenigen, die sich aus Idealismus oder Eigeninteresse bei diesen Plattformen angemeldet haben, entstammten doch überwiegend der Urhebersphäre, so dass man sich die Gelder eigentlich nur im Kreis herumschoben hat. Inzwischen sind die Einnahmen der meisten Urheber längst wieder gesunken. Es ist offenbar schwierig, Nutzern jenseits der Kreativszene zu vermitteln, dass es sich lohnen kann, für einen guten Inhalt, den man auch kostenlos nutzen kann, freiwillig zu bezahlen – damit es ihn auch morgen noch gibt. Crowdfunding sehe ich als größere Chance, denn hier geht es nicht um Spenden, sondern um Vorfinanzierung mit entsprechender Gegenleistung.

Wie können Kreative Ihrer Meinung nach zu „Unternehmern“ werden?

Indem sie wie Unternehmer denken und handeln. Indem sie in ihre Bekanntheit und sich selbst als Marke investieren. Wer für bestimmte journalistische Themen und Fachgebiete als Experte gilt oder als Musiker für einen ganz bestimmten Sound und ein unverwechselbares Konzerterlebnis steht, der hat es leichter, einen direkten Draht zum Publikum aufzubauen und seine Werke direkt zu verkaufen. Außerdem hilft unternehmerisches Denken auch beim Umgang mit klassischen Verwertern. Wer sich unverwechselbar macht und seinen Markenwert kennt, hat es leichter, höhere Honorare auszuhandeln.

Interview mit Johannes Thielmann

johannes thielmannVITA:

Der Nachwuchs-Regisseur, Produzent und Autor Johannes Thielmann (*1981) ist geschäftsführender Gesellschafter der Berliner Produktionsfirma Futur Film GmbH & Co.KG. Er wurde mit seinen Kurzfilmen „Nachtmusik“ (mit Katja Riemann) und „Acting“ (mit Maria Schrader) für den Deutschen Kurzfilmpreis und für sein Drehbuch „Im Augenblick der Liebe“ für den deutschen Drehbuchpreis vorgeschlagen. Dieses Buch will er nun als sein Langfilmdebüt mit den Schauspielern Bettina Zimmermann, Bruno Eyron, Hannes Jaenicke und Sina Tkotsch verfilmen und auch mit Hilfe von „Crowdfunding“ über das Internet finanzieren.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Sicherlich bin ich da naiv, aber ich weiß immer noch nicht so ganz, wo das Problem liegt, wenn mein Drogeriemarkt weiß, wann ich Butter gekauft habe oder mir auf Grund meines Geschlechts Bierwerbung statt Dessousgutscheine ins Postfach geschickt werden. Immerhin haben sie noch nicht rausgefunden, dass ich gar keinen Alkohol trinke. Anders verhält es sich natürlich bei ärztlichen Untersuchungsergebnissen oder einem Einkauf bei Beate Uhse. Ich sehe das Problem nicht darin, dass meine Daten gesammelt werden, sondern darin, wer sie einsehen und verwenden darf. Dienen sie der Diffamierung oder der Verbrechensbekämpfung?

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen verursacht?

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die virtuelle Welt ebenso öffentlich ist wie der Markplatz. Ich sehe es auch eher als virtuelles Dorf. Wenn ich meinen Freunden mittags was erzähle, weiß es abends auch der Nachbar. Dementsprechend sollte man sich verhalten. Dennoch bin ich ein Befürworter des “Vergessens”. Aus Fehlern lernt man am besten. Aber wenn ich durch Google-Suchergebnisse heute noch immer auf einen Fehler meiner Jungend reduziert werde, dann überlege ich mir zwei Mal, ob ich wirklich etwas lernen will.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht so ganz, wer diese “Netzgemeinde” sein soll. Wenn es die Bewohner des von mir beschriebenen virtuellen Dorfs sein sollen, dann gibt es sie noch – und die sind so unterschiedlich wie die Fussgänger auf der Einkaufsmeile.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Die meisten Probleme entstehen doch durch Anonymität. Seine Meinung zu äußern, sollte auch bedeuten, sie verteidigen zu müssen/dürfen. Anonymität schützt vor Konsequenzen. Und leider gibt es in jeder Gesellschaft Menschen, die ohne Nummernschild innerorts 180 fahren würden.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Wenn man Kultur möchte, dann muss man sie sich leisten. Und Kunst hat einen ganz realen Preis. Man kann sich darüber streiten, ob sich das Tagesprogramm im Privatfernsehen nicht auch ein betrunkener Schimpanse ausdenken könnte, aber gute Filme herstellen oder tolle Musik machen kann eben nicht jeder. Im Anbetracht der steigenden Onlinenutzung sollten Künstler also auch dort angemessen bezahlt werden. Vergütungsmodelle müssen dringend her. Freibier ist nur so lange toll, bis es alle ist.

Der „Stromberg-Kinofilm“, “Hotel Desire” und „Iron Sky“ wurden bereits mit Crowdfunding finanziert. Gibt es Alternativen zu Startnext in Deutschland?

Alle drei genannten Filme haben die Herstellung durch eigene Crowdfunding-Konstruktionen finanziert. Soweit ich informiert bin hat “Iron Sky” lediglich einen kleinen Teil seiner Postproduktion über Startnext finanziert. Das Portal kann ich nur empfehlen. Es ist durch sein “All-or-Nothing”-Prinzip jedoch für eine Anschubfinanzierung nicht geeignet.

Mit wie viel Geld müsste ich mich beteiligen, damit ich eine Rolle in Eurem Film spielen darf. Gab es für diese ungewöhnliche Finanzierungs- bzw Besetzungsmethode bereits öffentliche Kritik?

Filmrollen sind bei uns nicht käuflich. Qualität liefert allein die schauspielerische Leistung und nicht der Kontostand. Wir haben als Teil eines Incentivepaketes lediglich die Mitwirkung als Komparse angeboten. Wir ermöglichen Branchenfremden durch Vorortbetreuung bevorzugte Einblicke in die Setarbeit, die Darsteller persönlich kennenzulernen und als Erinnerung neben ihnen vor der Kamera zu stehen.

Kritik gab es ausschließlich von ein paar Leuten innerhalb der Branche. Ich vertrete den Standpunkt, dass alle Filmschaffenden für ihre Arbeitsleistung gerecht bezahlt werden müssen. Dafür muss aber auch genügend Geld vorhanden sein und in unserem Fall ist es das nicht. Auch die bisher erhaltene Filmförderung muss bei Drehbeginn zurückgezahlt werden. „Im Augenblick der Liebe“ ist ja keine Auftragsproduktion, für die wir zu Lasten der Mitwirkenden das günstigste Angebot abgeben haben, sondern ein unabhängig finanzierter und entwickelter Film, der es aus unserer Sicht wert ist, auf die Leinwand zu kommen. Kritik ist berechtigt, aber wir sind die falsche Baustelle.

Abgesehen davon machen sich die wenigsten Filmschaffenden Gedanken darüber, wie in Deutschland Filme überhaupt finanziert oder besser unterfinanziert werden. Alternative Methoden sind dringend notwendig und in Anbetracht der dramatischen wirschaftlichen Situation der Branche sollte jedes Mittel auf den Prüfstand.

Ist die Finanzierungsmethode des „Crowdfundings“ nicht ein Hype, der vorüberzieht – Es werden immer öfter Stimmen laut, Crowdfunding sei nur etwas für Kurzfilme?

Ja, ich halte es für einen Hype. Und es wird noch dauern bis sich die Fundingmentalität  hierzulande darauf einstellt, auch in der Masse Beträge jenseits von Kurzfilmbudgets zu stemmen. Das es möglich ist, hat “Stromberg” eindrucksvoll bewiesen.

Wir setzen eher auf Crowdinvestment, also die Möglichkeit gegen eine Gewinnbeteiligung in den Film zu investieren. Dazu haben wir eine Website eingerichtet: futurfilm.de/invest. Wir führen gerade sehr aussichtsreiche Gespräche, konkretisieren werden wir aber erst wenn alles unter Dach und Fach ist.

Was passiert mit meinem Geld, wenn der Film letztendlich doch nicht realisiert wird?

Wie bei jedem fairen Geschäft erhält der Kunde bei Nichterfüllung sein Geld zurück.

Interview mit Christoph Kappes

VITA:

Christoph Kappes (*1962) gründete nach dem Studium der Rechtswissenschaft (Nebenfächer Informatik und Philosophie) die Xplain GmbH, eine der ersten Internetagenturen Deutschlands, die er siebzehn Jahre leitete und dabei mit allen Business-Themen des Internets für Kunden wie OTTO und DaimlerChrysler befasst war. Nach dem Verkauf und einer Zeit als Managing Director bei Pixelpark gründete er 2008 sein Beratungsunternehmen Fructus GmbH, mit der er seine Online-Expertise anbietet. Seit 2010 schreibt Kappes zur Digitalisierung, u.a. bei FAZ, FAS, Spiegel Online, Merkur und war als Sachverständiger der Internet-Enquete des Deutschen Bundestages eingeladen.

Meine persönlichen Daten werden gesammelt, auch wenn ich mich nicht aktiv durch das Netz klicke. Muss mir das Angst machen?

Nein. Es kommt darauf an, wer Sie sind, also welche Daten Sie implizit erkennbar gemacht haben und von wem Sie negatives Verhalten zu erwarten haben. Je nachdem haben Sie Repressionen gar nicht oder von ganz verschiedenen Leuten zu befürchten, vom Staat über Unternehmen bis hin zu sozialem Gruppen und Einzelpersonen. Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Durch bloßes Surfen ohne Dateneingabe kann für die meisten Menschen nicht viel passieren. Für Menschen mit seltenen Verhaltensweisen oder Einstellungen hingegen mehr. Kurioserweise sind also diejenigen am wenigsten betroffen, die sich am meisten erzürnen, nämlich weiße Heterosexuelle ohne Handicap, die Mainstream-Parteien wählen.

„Das Netz vergisst nichts.“ Ist es diese Aussage, die uns beim Eintritt in die virtuelle Welt Unbehagen verursacht?

Diese These ist falsch. Das Netz vergaß bisher extrem viel, viele Websites sterben ja und sogar alte Kommentare werden bei Relaunches einfach nicht übertragen. In vielen Fällen ist es nicht „das Netz“, sondern es sind Institutionen, die gegen das Vergessen andokumentieren, das sollte man nicht verwechseln; und andere Institutionen wie PR-Abteilungen löschen die Vergangenheit ganz gezielt. Meine eigene Erfahrung ist: von hunderten von Websites aus den 90ern, an deren Entwicklung ich beteiligt war, ist keine mehr da. Ich habe auch keine Mails mehr aus der Zeit vor 2007. Das mag sich mit großen Cloud-Diensten ändern, das ist aber nicht „das Netz“, sondern eben die Archivfunktion von Rechenzentrumsanbietern. Über Auswirkungen sollte man in zehn Jahren ernsthaft reden, im Moment ist das sehr spekulativ. Nochmal zehn Jahre später lachen aber dann die Leute nicht mehr über den Vorschlag von Eric Schmidt von Google, dass man sich einen neuen Namen geben könnte. Namen sind Adressen, die der Identifikation dienen. Das ganze kulturelle Drumherum, das am Namen klebt, hat andere Gründe. Man könnte sogar sagen: Dir einen Namen zu geben verhindert, das niemand Dein Handeln vergessen kann. Wir werden vielleicht den Namen ändern, den Schlüssel zur alten Identität hat eine Positivliste – und der Staat.

Häufig wird von „der Netzgemeinde“ gesprochen. Gibt es eine solche Netzgemeinde noch?

Es gibt immer das, was Sie sehen. Und Sie sehen, was Sie sehen wollen. Dadurch konstruieren Sie sich die Netzgemeinde selbst. So ist der Mensch, er muss ja aus tausenden von Individuen verallgemeinern und segmentieren, damit ihm von der Welt ein Modell ermöglicht wird, das ihm die Angst vor Unbekanntem nimmt. In diesem Fall kann man allerdings beobachten, dass sich beim Personenkreis über die Jahre persönliche Beziehungen aller Art entwickelt haben; das ist die Besonderheit von „Netz“, dass sich durch (Inter-) Netz das (Beziehungs-)Netz verstärkt. Man kennt sich eben auch hier. Das Netz ist ein großes Hinterzimmer.

Wenn wir einen Medienminister hätten, auf welcher Seite müsste er stehen: Auf der Seite derer, die die Freiheit im Netz für sich reklamieren, oder auf der Seite derer, die einen verbesserten Persönlichkeitsschutz fordern?

Wir brauchen keinen „Medienminister“, das sehen Sie ja schon an Ihrer Frage, weil Sie nach „Seite stehen“ fragen. Als Teil der Regierung stünde er naturgemäß auf der (Innen-)Seite des Staates. Ein Staatsorgan, das von dort aus auf Medien einwirkt, führt zur Implosion der Demokratie. Falls Sie „Internetminister“ meinen: das mache ich gern, sobald ich wieder Zeit habe, und da stehe ich natürlich auf der Seite der Freiheit. Jedenfalls solange, wie ich noch nicht gewählt bin.

Zur Urheberrechtsdebatte im Netz: Könnten Sie sich Vergütungsmodelle vorstellen, mit denen sowohl Autoren und Künstler als auch Mediennutzer gut leben können? Oder muss man die Regeln der realen Welt einfach auf die virtuelle Welt 1:1 übertragen?

Was sind „Vergütungsmodelle“? Ich glaube, da ist seit Jahren schon die Diskussion schief. Kulturflatrates und ähnliches sind keine „Vergütungsmodelle“, sondern verschleierte Steuern, wie die sog. „GEZ-Gebühr“. Ich habe materiell gar nicht viel dagegen, mich ärgert aber die Art, wie hier Neusprech entstanden ist. Und mir fehlen Fakten, warum wir solche Modelle brauchen, das wäre eher abzuwarten. Dadurch, dass vielfach einzelne Unternehmensarten in der Wertkette unter Druck geraten oder wegfallen, sinken einerseits Preise, andererseits bleibt Künstlern nominal nicht weniger als vorher. Ich habe das gerade für mein Startup Sobooks für die Buchbranche durchgerechnet. Zusätzlich gibt es Abo-Modelle, welchen den Künstlern ein stetiges Einkommen ermöglichen. Ich sehe die Zukunft also eher positiv. Wahrscheinlich spaltet sich der Markt, Gebrauchsinhalte unter professionellen Bedingungen und gute Kreativware. Wer von beidem nicht leben kann, ist auf Kulturförderung oder Sozialsystem angewiesen.

Wird sich Crowdfunding Ihrer Meinung nach für Filme oder Bücher dauerhaft etablieren können?

Ich bin gegenüber den meisten Fällen von Crowdfunding eher skeptisch, weil Endkunden solche Risiko-Investments nicht gut einschätzen können und das Prinzip „Wenn´s schief geht, hat´s nicht so wehgetan“ auf Dauer etwas dürftig ist. Da wird noch viel Vertrauen verspielt werden, bis wir neue Qualitätssicherungsmodelle auch online finden, die im Grunde die alten Strukturen (wie Banken und Verlage) nachbilden, nur günstiger.

Warum nutzen wir Menschen so gerne soziale Netzwerke?

Weil wir immer schon in sozialen Netzwerken organisiert waren. Wir brauchen die Kommunikation mit anderen, um unser Selbst zu bilden. Wir brauchen das Menschennetz, weil in jeder Beziehung zu anderen Nutzen für uns schlummert, auch und gerade bei schwachen Beziehungen und solchen über Eck. Gesellschaft funktioniert so, zum Beispiel bei Netzwerken von Auswanderern, und leider ist die Software-Lösung viel zu trivial, um das gut abzubilden. Facebook ist also eine Reaktion auf ein sehr altes Bedürfnis. Es ist nicht etwas Neues ohne Ursprung, bei dem wir ernsthaft und isoliert wählen könnten, ob wir es als Gesellschaft wollen oder nicht. Das sehen Juristen und Politiker anders, weil sonst ihr eigenes Geschäftsmodell in Frage gestellt ist. Man kann aber keine soziokulturellen Gegebenheiten gesetzlich an- oder abschalten.

Woher kommt mein schlechtes Bauchgefühl, wenn es um Facebook oder Google geht. Ist die mediale Berichterstattung Schuld an dem schlechten Ruf?

Facebook und Google sind schlecht in der Unternehmens-kommunikation, weil sie nicht nach vorne gerichtet den Sinn ihrer Tätigkeit in größeren Zusammenhängen kommunizieren und immer nur reagieren, wenn die Sau von der Presse schon durchs Dorf getrieben wurde. Sie haben keine Lobby in Deutschland und passen auch wunderbar sowohl ins subtil antiamerikanische und antikapitalistische Beuteschema, als auch in das des Aggressors, der unsere wunderschöne, edle Medienkultur gefährdet – ein großartiges Narrativ, mit dem Medien sich selbst anschauen wie Narziss. Mit dem Herunterspielen medialen Mülls stechen sie sich allerdings dann auch wie Narziss selbst den Dolch in die Brust.

Sie twittern viel und gerne. Können Sie bei sich eine Twitter-Sucht definitiv ausschließen?

Nein. Sucht erkennt man bei sich selbst zuletzt, weil man zu sich selbst keine distanzierte Beobachtungsposition aufbauen kann. In meinem Fall ist allerdings „always on“ schon immer berufliche Normalität gewesen, in zwanzig Jahren als Agenturchef schleicht sich so was ein wie bei anderen Leuten Unterhosen, die sie den ganzen Tag tragen.

Sie gründen aktuell mit Sacha Lobo einen reinen E-Book-Verlag. Was wird ihn von anderen Verlagen unterscheiden? Brauchen wir das wirklich?

Es klingt sicher etwas verrückt, aber wir wollen zeigen, dass ein heute sozusagen neu gedachter Verlag anders funktioniert als einer aus der Gutenberg-Ära. Wir stellen jedes Detail auf den Prüfstand und an was wir nicht glauben, fällt weg, zum Beispiel DRM oder bestimmte Handelsstufen, die keine ausreichende Wertschöpfung bringen. Gleichzeitig denken wir das Produkt in einigen Dimensionen neu, zum Beispiel der Länge und der Art des Zugangs. Bitte verstehen Sie, dass wir dazu nicht viel sagen wollen. Wir haben unglaublich viel in der Technik zu bewältigen, es wird eine komplett neue Plattform geben, das dauert ein paar Tage länger als ein Relaunch. Wichtig ist noch folgendes: Wir glauben daran, dass der Markt sich in Kostenlosangebote und Qualitätsangebote teilt, und wir wollen vor allem letzteres bedienen. Das bedeutet auch, dass unser Focus anders als bei vielen anderen Startups nicht so sehr Selfpublishing ist. Wir zielen auf gute Autoren, und wir können als Plattform auch fremde Verlagsangebote integrieren, das würden wir sogar sehr gern, wenn die Verlage mitmachen. Da sind aber leider für unsere Konzepte ein paar Old-Economy-Probleme zu lösen, die nicht bei uns liegen. Deswegen haben wir Sobooks ja gegründet: wir wollen durch eine Neugründung Tempo ermöglichen, das für etablierte Verlage schwer zu erreichen ist. Das ist gar kein Vorwurf, sondern ein Fakt. Wir zum Beispiel haben keine Wiederverkäufer, daher müssen wir auf die auch keine Rücksicht nehmen.

Interview mit Jennifer Jones

Jennifer Jones war von 1999-2007 als Tänzerin an verschiedenen deutschen Theatern engagiert. Nach einem Medien- und Kulturmanagement-Studium und Stationen beim Erich-Pommer-Institut für Medienrecht und Medienforschung und dem Hörbuch-Download-Anbieter Audible, leitet sie nun den Bereich Online Marketing und Social Media beim Rowohlt Verlag.

Es wird darüber spekuliert, ob uns das Netz zu schlechteren Menschen macht. Aber sind nicht wir Menschen es, die das Internet benutzen? Wenn das so ist, brauchen wir vielleicht eine Kindersicherung für uns selbst?

Ich glaube nicht, dass uns das Internet zu schlechteren oder dümmeren Menschen macht, wie die aktuelle Debatte um Bücher wie “Digitale Demenz” suggeriert. Vielmehr ermöglicht das Internet mit nur einem Klick besser und vor allem schneller informiert zu sein, als jemals zu vor. Die Nutzung obliegt allerdings weiter dem gesunden Menschenverstand und einer gewissen technischen und informativen Handlungsfähigkeit des Nutzers. Daher glaube ich auch nicht, dass wir eine “Kindersicherung” für das Internet einführen müssen, sondern eher den Fokus auf die sinnvolle Vermittlung von einer neuen Art von Medienkompetenz legen sollten.

Menschen haben Angst, dass man ihre Häuser fotografiert. Dabei nutzen viele Menschen, die ich kenne, leidenschaftlich gerne Google-Street-View. Bekämpfen wir am Ende etwas, das uns selbst gefällt?

In anderen Ländern werden Dienste wie Google, Facebook und Co. nicht so verteufelt und sind ein sehr viel ausgeprägter Teil des Alltages. Auch bei uns sind diese Dienste ja nicht mehr wegzudenken und werden von einem Großteil der Internet-Nutzer verwendet, auch wenn darüber geschimpft wird. Ich denke, dass jeder insgeheim zugeben muss, wie bequem einem Google den Alltag gestaltet.

Es ist nur natürlich, dass Verbrechen im Netz den Verbrechen in der realen Welt ähneln. Es wird jedoch so getan, als ob das Netz nur aus Cybermobbing, Kinderpornografie und Lynchjustiz bestehe. Wer profitiert von dem schlechten Ruf des Netzes?

Ich finde es schade, dass das Internet immer auf ein paar schlagkräftige und medienwirksame Begriffe reduziert wird. Zudem ist es letztlich ja nicht Ursache für diese Verbrechen, sondern nur ein weiterer Arm, in dem diese verübt werden können. Ich denke, dass diese Art von Kommunikation letztlich nur den Anti-Internet-Lobbyisten nützt, und leider eine sachlich, konstruktive Diskussion über mögliche Handlungsoptionen durch Stimmungsmache verhindert wird.

Im Fall einer Datenauswertung hätte eine Regierung sämtliche Informationen über meine Person. Wie wahrscheinlich ist es, dass irgendwann ein Chip entwickelt wird, der unsere Daten (Krankheiten, Berufserfahrungen, Liebesbeziehungen, Wohnortwechsel, moralische Fehlverhalten) sammelt, speichert und ggf. offenlegt? Und selbst wenn, wäre dies schlimm?

Ich halte ein solches Szenario für denkbar und nicht ausgeschlossen. In anderen europäischen Ländern, wie beispielsweise Estland, werden Bürgerdaten von Versicherungen und Ärzten bereits viel transparenter und offener behandelt als bei uns. Dies fördert einen reibungsloseren Verkehr und Transparenz bei allen bürokratischen Abläufen. Ich finde es auch nicht so schlimm, wie das auf den ersten Blick scheint, und wie es bei uns häufig in der Diskussion um den “gläsernen Bürger” dargestellt wird. Ich denke, dass die Grenzen der Privatsphäre sich einfach neu definieren werden, und wir bald eher eine Unterscheidung zwischen privat und öffentlich treffen.

Angst ist das Thema unserer Zeit. Warum sind wir Deutschen so ängstlich? Warum brauchen wir immer so lange, bis wir uns an eine mediale Veränderung gewöhnen?

Ich denke, dass es mit der kulturellen Einstellung und Kommunikation zusammenhängt. Dieses Mistrauen, und das erstmalige Ablehnen und Abwarten wird uns sozusagen in die Wiege gelegt. Ich denke zurzeit gibt es in vielen unserer europäischen Nachbarländern Beispiele dieser kulturellen Unterschiede, was zum Beispiel Streik- oder auch Streitkultur angeht. Wir sind da eben ein wenig zurückhaltender. Das lässt sich eben auch auf die Veränderungen der Digitalisierung übertragen.

Die Urheberrechtsdebatte ist nicht neu. Wie könnte das Netz von Künstlern, Musikfirmen und Endverbrauchern verbessert werden? Oder anders gefragt: Wenn wir einen Medienminister hätten, was könnte er tun?

Eine schwierige Frage, aber ich denke Voraussetzung wäre, dass sich mögliche Parteien einer Diskussion öffnen. Das Festhalten an alten Modellen wird hier nicht zu einer zielführenden Lösung führen. Sicher auch wieder gewissermaßen ein “Angst-Problem”. Vor den neuen Möglichkeiten, die sich für Urheber und Verwerter auftun wird sich gefürchtet, die alten Modelle bieten gefühlte Sicherheit. Ich denke aber, dass sich sicherlich die Geschäftsmodelle grundlegend  ändern werden und müssen. Ein Medienminister müsste also sicherlich herausragende kommunikative Fähigkeiten mitbringen.

In Deutschland öffnete Amazon 2011 seinen Kindle – Muss sich der Buchmarkt neu erfinden?

Ich denke schon, dass sich der Buchmarkt neu erfinden muss, und dass das auch Verlage tun sollten und müssen. Märkte und Nachfragen ändern sich, und die Akteure, die weiterhin erfolgreich sein wollen, müssen sich ebenfalls anpassen. Eine Art natürliche wirtschaftliche Evolution, die nun eben auch dem Buchmarkt bevorsteht.

Sollten E-Books Ihrer Meinung nach genauso teuer sein wie Bücher, die man im Handel kaufen kann? Wenn ja, warum?

Derzeit experimentieren wir in Sachen E-Book-Preis noch. Ich denke aber, dass es ein guter Start war, den Preis hoch anzusetzen. Das Produkt, nur weil es digital ist, ist nicht zwingend “günstiger” in der Produktion. Die Kosten für Akquise, Rechte und Autorenhonorar bleiben erhalten und werden in der Diskussion oft vergessen. Argumentiert wird, das Produkt würde ja keine Druck- und Lagerkosten verursachen, die andere Seite der Medaille wird häufig nicht beachtet. Daher ist es wichtig erst mal auch das Bewusstsein beim Kunden zu schaffen, dass digitale Produkte im Internet etwas “kosten”. Diese Entwicklung hat die Musikbranche ein wenig versäumt. Ich denke aber auch, dass sich im Bereich des Pricings in der nächsten Zeit noch einiges entwickeln wird.

Die Produktion eines Buches dauert oft ein Jahr, während Selbstverleger in kürzerer Zeit ihr Buch unter die Leute bringen können. Haben Sie Angst vor der Geschwindigkeit des E-Book-Markts?

Auch Verlage müssen sich der Geschwindigkeit des Marktes anpassen, gerade sicher auch im Bereich des aktuellen politischen Sachbuchs. Ich denke aber, dass die Zeit, die in die Qualität eines Textes gesteckt wird, auch der Filter sein könnte, der diese Produkte letztlich unterscheiden wird. Eine Anpassung an Workflows und Arbeitsprozesse ist aber sicher nötig und hat auch schon begonnen.

Ein Aspekt, der häufig außer Acht gelassen wird, ist die finanzielle Vorleistung in die ein Verlag geht. Sicherlich auch ein Argument, das in die Diskussion einfließen sollte.

Im E-Book-Handel kann jeder „Verlag“ spielen. Wie sehen Sie die Entwicklung für die Zukunft? Wo steht Rowohlt in 20 Jahren?

Ich hoffe, dass sich Qualität auch weiterhin durchsetzen wird, und wie oben schon beschrieben, letztlich ein Filter sein könnte. Verlage, die es schaffen ihr Geschäftsmodell und ihre Prozesse neu zu definieren und zu strukturieren, werden dann hoffentlich auch in 20 Jahren noch gute Bücher herausbringen.

Interview mit Dirk von Gehlen

VITA:

Dirk von Gehlen leitet bei der Süddeutschen Zeitung die Abteilung “Social Media/Innovation” zu der auch die Dialog-Plattform jetzt.de zählt, die mehrfach für ihren einzigartigen crossmedialen Ansatz ausgezeichnet wurde. Seit Jahren befasst sich der Diplom-Journalist mit den Veränderungen des Journalistenberufs, die sich durch die Demokratisierung der Publikationsmittel ergeben. 2011 veröffentlichte er im Suhrkamp-Verlag sein Buch “Mashup – Lob der Kopie”, das sich mit den Folgen der digitalen Kopie für Kunst und Kultur befasst. Gerade arbeitet er an dem Nachfolgeprojekt mit dem Titel “Eine neue Version ist verfügbar”, das die inhaltliche These beschreibt: Die Digitalisierung macht Kunst und Kultur zu Software, die wir mehr in Versionen als in Werkstücken denken müssen. Diese These wird auch in der Produktion des Buches umgesetzt: Es wird im Crowdfunding gemeinsam mit den Lesern finanziert und erstellt.

Es wird darüber spekuliert, ob uns das Netz zu schlechteren Menschen macht. Aber sind nicht wir Menschen es, die das Internet benutzen? Wenn das so ist, brauchen wir vielleicht eine Kindersicherung für uns selbst?

Eine Kindersicherung für uns selbst brauchen wir nicht. Es gibt einen Text von Douglas Adams aus dem Ende der 90er Jahre: „How to Stop Worrying and Learn to Love the Internet “. Darin beschreibt er, wie die Menschheit jede technische Neuerung aufgenommen hat. Alles, was zum Zeitpunkt der eigenen Geburt schon da ist, ist für den Menschen erst einmal normal. Alles, was eingeführt wird, bis man etwa dreißig Jahre alt ist, findet man spannend. Und alles, was eingeführt wird, wenn man dreißig oder über dreißig ist, hält man für eine Bedrohung und das nahe Ende der Zivilisation. In der Beurteilung dessen, was das Internet und die Digitalisierung mit der Gesellschaft macht, kann man sagen, dass es einen gesellschaftlichen Graben gibt zwischen denen, die eine Chance in der digitalen Entwicklung sehen und denen, die in erster Linie die Gefahren wahrnehmen und eine Kindersicherung dafür einfordern. Es ist, so glaube ich, ein natürlicher Evolutionsprozess, der uns technische Möglichkeiten liefert, über deren Verwendung wir noch diskutieren müssen.

Menschen haben Angst, dass man ihre Häuser fotografiert. Dabei nutzen viele Menschen, die ich kenne, leidenschaftlich gerne Google-Street-View. Bekämpfen wir am Ende etwas, das uns selbst gefällt?

Wir haben noch keine richtige Vorstellung davon, wohin sich das alles bewegen wird. Aus dieser Unsicherheit heraus entsteht dann die Angst, dass es für mich Nachteile geben könnte, wenn mein Gebäude fotografiert wird. Und aus der Angst vor dem nahen Ende der Zivilisation entsteht der Reflex, das eigene Gebäude verpixeln zu wollen, obwohl man den Dienst selbst für die Analyse des Urlaubsortes gerne verwendet. Das ist natürlich ein gewisser Widerspruch. Ich glaube aber, dass sich dies in den nächsten Jahren erledigen wird, weil die Menschen selbstverständlicher mit der Technologie umgehen werden und dabei feststellen, dass sie keinen Schaden davon tragen, wenn ihr Haus im Internet zu sehen ist. Die eigentliche Frage, die dem zugrunde liegt, ist, wer fotografiert da eigentlich mein Haus. Ist das ein Unternehmen wie Google oder macht das die Gesellschaft selbst? Was das Einscannen von Büchern angeht: Da gibt es seit hunderten von Jahren ein ausgeprägtes Bibliothekswesen in Westeuropa. Und dies gibt es aus guten Gründen. Weil die Gesellschaft organisieren möchte, dass Menschen, die sich einfach kein Buch kaufen „können“, trotzdem freien Zugang zu Kunst und Kultur haben sollen. Die gesellschaftlichen Räume im Netz sind sehr stark kommerziell von Unternehmen organisiert und das ist das etwas, was Angst macht und langfristig gesehen auch problematisch ist. Da muss sich eine digitale Zivilgesellschaft formen, die die Politik zwingt, diese Räume nach gesellschaftlichen Kriterien zu bestimmen und nicht nur nach kommerziellen. Zum Beispiel einen gewissen Speicherplatz im Netz selbst zu gestalten, wie eine Art digitalen Schrebergarten, wo ich also selbst ausprobieren kann: Ich pflanze da was an. Ich poste etwas. Und diese Art von Organisation des öffentlichen Raumes dürfen wir nicht ausschließlich in privatwirtschaftlicher Hand lassen. Und der zweite Aspekt ist dass wir nicht wissen und nicht abschätzen können, wer unsere Daten verwendet und nach welchen Maßstäben.

Es ist nur natürlich, dass Verbrechen im Netz den Verbrechen in der realen Welt ähneln. Es wird jedoch so getan, als ob das Netz nur aus Cybermobbing, Kinderpornografie und Lynchjustiz bestehe. Wer profitiert von dem schlechten Ruf des Netzes?

Das ist eine gute Frage. Ich bin unsicher, wer davon profitiert, kann allerdings versuchen zu begründen, woher der schlechte Ruf des Netzes kommen könnte. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass man sehr unsicher ist und aus der Unsicherheit heraus in erster Linie Dinge betont, die nicht funktionieren. Und es gibt bestehende gesellschaftliche Akteure, die ein großes Interesse daran haben, zu betonen, dass an dem Neuen vielleicht etwas nicht funktioniert und dass das Alte doch besser ist. Als die Eisenbahn eingeführt wurde, gab es tatsächlich Menschen, die gesagt haben eine Fortbewegung, schneller als 30 km/h, mache die Menschen krank. Und so etwas Ähnliches haben wir heute auch: Heute haben wir eine Debatte darüber, ob das Internet krank machen kann, ob man internetsüchtig sein kann. Was ich in der Grundpositionierung, das Internet in erster Linie mit einem Krankheitsbild zusammenzubringen, sehr fragwürdig finde. Aus der Sorge heraus, dass das, was man gelernt hat, nicht mehr gelten könnte, entstehen diese ablehnenden Perspektiven.

Am Ende profitiert von dem schlechten Ruf des Netzes niemand, es verzögert nur eine Entwicklung, die ohnehin stattfindet. Der schlechte Ruf nützt nur denen, die keine Lust haben, sich mit der Veränderung zu beschäftigen. Sie können dann argumentieren: „Facebook ist total gefährlich. Deshalb muss ich mich damit gar nicht erst beschäftigen.“

Im Fall einer Datenauswertung hätte eine Regierung sämtliche Informationen über meine Person. Wie wahrscheinlich ist es, dass irgendwann ein Chip entwickelt wird, der unsere Daten (Krankheiten, Berufserfahrungen, Liebesbeziehungen, Wohnortwechsel, moralische Fehlverhalten) sammelt, speichert und ggf. offenlegt? Und selbst wenn, wäre dies schlimm?

Das Offenlegen ist der spannende Aspekt an der Frage. Es gibt diesen alten Hacker-Slogan: „Private Daten schützen – öffentliche Daten nützen“. Was so viel heißt wie, das, was personenbezogene Daten sind, gehört geschützt. Egal, ob es offiziell erhobene oder nicht offiziell erhobene Daten sind. Und alles, was öffentliche Daten sind, muss man soweit wie möglich nützen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das, was in der Frage beschrieben wird, passieren wird, weil Daten der Rohstoff der digitalen Zukunft sein werden. Und die Auswertung von Daten führt wieder zu neuen Erkenntnissen. Diese Daten sind heute schon zu einem großen Teil verfügbar und werden heute schon erhoben – wir haben aber gesamtgesellschaftlich zu wenig Gespür dafür, was das bedeutet und wie man darauf reagieren kann. Und da ist diese Leitlinie „Private Daten schützen – Öffentliche Daten nützen“ sehr wichtig. Wenn man sich nach diesem Motto richtet, muss Datenerhebung nicht schlimm sein. Das Schwierige ist, dass wir es bedrohlich finden zu wissen, dass Google und Facebook unsere Präferenzen kennen, wir es aber schön finden, wenn uns in unserem Lieblingscafé der Kellner das Getränk hinstellt, das wir haben wollen, weil er uns so gut kennt. Wenn man morgens beim Bäcker steht, er sagt: „Wie immer?“ und man kriegt seine Butterbrezel, dann findet man es irgendwie schön, das ist vertraut. Wenn man es bei Google sieht, dann wird es bedrohlich beschrieben. Die spannende Frage ist: Worin begründet sich dieses Paradox? Darin, dass Google eine anonyme Maschine ist, die dies alles sammelt, und kein Mensch! Der zweite Grund ist, weil wir den Umgang mit Google nicht gelernt haben. Aber: Wächst nicht gerade eine Generation nach, die damit umgehen kann? In Amerika gibt es die Grundidee: „There is no free lunch“. Ich nutze also die Dienste umsonst und bezahle mit meinen Daten. Das kann man ein bisschen naiv nennen, aber vielleicht ist es realistisch. Wir müssen eine größere Sensibilität dafür entwickeln, was unsere Daten sind und was man mit unseren Daten machen kann. Darüber fehlt uns eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, eine, die auch die Chancen erkennt. Die Diskussion wird oft nur risikobewertet geführt. Das hat sicher damit zu tun, dass sich viele nicht mit der Technik auskennen.

Angst ist das Thema unserer Zeit. Warum sind wir Deutschen so ängstlich? Warum brauchen wir immer so lange, bis wir uns an eine mediale Veränderung gewöhnen?

Es ist ein komplizierter Häutungsprozess, in dem sich die Gesellschaft aktuell befindet. Es gibt technologische Möglichkeiten, von denen man sich vor zehn Jahren nicht hätte träumen lassen, dass sie möglich werden, und die werden aus einer großen Sorge heraus betrachtet. Dadurch, dass ich es mit Sorge betrachte, sehe nicht in erster Linie die Chance und ich sehe auch nicht den Gestaltungsspielraum, der sich dadurch ergibt. Ich will in dem, was ich entwickle, zurück zu dem, was ich gelernt habe und nicht zu etwas Neuem.

Wikipedia ist ein schönes Beispiel dafür. Da hat man auch zuerst gesagt, das kann nicht funktionieren. Die Idee, dass es mehrere Versionen von einem Beitrag gibt. Aber es kann funktionieren, weil die technologischen Möglichkeiten uns Türen öffnen. Es ist dringend notwendig, neue Technologien auch mit neuen Möglichkeiten zu denken. Und mit einem anderen Denken das anzugehen, was jetzt technologisch auf dem Tisch liegt.

Die Urheberrechtsdebatte ist nicht neu. Wie könnte das Netz von Künstlern, Musikfirmen und Endverbrauchern verbessert werden? Oder anders gefragt: Wenn wir einen Medienminister hätten, was könnte er tun?

Das zentrale Problem an der Urheberrechtsdebatte ist, dass uns die digitale Kopie in die Lage versetzt, Inhalte vom Datenträger zu lösen und damit kostenfrei zu publizieren. Diese technologische Neuerung wird man meiner Meinung nach nicht mehr einfangen können und die Debatte handelt gerade davon, diese technologische Neuerung, die für jeden alltäglich ist, mit Strafen zu belegen. Das führt meiner Einschätzung nach zu einem gesellschaftlichen Bruch: Ich möchte gerne ein legitimiertes Urheberrecht haben, weil ich selbst davon lebe. Ein legitimiertes Urheberrecht kann sich aber nicht darauf begründen, dass es eine Tätigkeit unter Strafe stellt, die für alle Menschen selbstverständlich ist. Das ist so, als würde man eine Ampel an einer unbefahrenen Straße nachts um vier Uhr aufbauen, und Menschen, die dort über die Straße gehen, mit hohen Strafen belegen. Der Urheberrechtsstreit handelt zurzeit davon, ob man es den Leuten verbieten kann oder ob es unverhältnismäßig ist, ein Verbot auf etwas zu legen, was eine selbstverständliche Tätigkeit ist. Das Problem liegt auch darin, dass uns seit unseren Kindertagen erklärt wird, wir sollen Sachen, die begrenzt sind, teilen. Findet man es bei Sachen, die unbegrenzt sind, auf einmal falsch? Da haben wir ein moralisches Dilemma. Deshalb ist meiner Meinung nach die zentrale Frage in einer Urheberrechtsdebatte: Wie gehen wir mit den Möglichkeiten der digitalen Kopie um? Bei der Kassettenkopie, die sich inhaltlich unterscheidet, weil es immer noch eine schlechtere Kopie war, ist man dazu übergegangen, durch pauschale Abgaben eine Bezahlung einzuführen.

Brauchen wir einen Medienminister? Es gibt ja die Idee, brauchen wir einen Internetminister. Faktisch gibt es mit Bernd Neumann als Staatsminister für Kultur und Medien diese Position bereits. Ich glaube allerdings, dass es eine klassische Querschnittsfunktion ist und man dies nicht auf einen Bereich auslagern kann. Es gibt beispielsweise den Versuch, die gesamte Digitalisierungspolitik mit der Umweltpolitik zu vergleichen. Damals hat es sehr viel gebracht, ein Umweltministerium einzuführen, weil es die Konzentration auf dieses Thema gelenkt hat. Das wäre auch ein Argument, das für einen Medien- oder Internetminister sprechen würde.

Sie plädieren in ihrem Buch „Mashup – Lob der Kopie“ für eine Kulturflatrate. Warum?

Mir geht es um pauschale Abgabesysteme. Die sind für mich stimmig. Die funktionieren bereits in anderen Bereichen: Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk funktioniert es auch, dass man aus gutem Grund nicht für jede einzelne Sendung bezahlen soll. Man braucht eine Grundfinanzierung und deswegen zahlen wir alle 18 Euro im Monat dafür, dass es ARD und ZDF gibt. Mir geht es tatsächlich um eine pauschale Kulturflatrate, da gibt es ja schon weit ausbuchstabierte Ideen mittels derer man sich das Recht erwirbt, private Kopien (also nicht gewerblich) von Musikstücken anzufertigen und weiterzugeben. Das Grundproblem zu lösen, dass etwas strafbar sein soll, was für Menschen selbstverständlich ist – Das ist meiner Meinung nach der zentrale Hebel der gesamten Urheberrechtsdebatte. Etwa die Frage, ob das digitale Kopieren überhaupt zu einem Rückgang der Umsätze bei Kunst und Kultur geführt haben. Am Beispiel der Musik kann man relativ klar analysieren, dass das Ende des Albums als Verkaufseinheit sicher auch einen riesigen Einfluss darauf hat, dass die Umsätze zurückgehen. Das ist ganz einfach: Früher musste man 12 Eier kaufen um ein Ei zu bekommen. Man wollte nur diesen einen Song hören, musste aber 12 als ein ganzes Album kaufen, um einen zu hören. Man braucht aber nur ein Ei, um ein Kuchen zu backen! Heute kann ich einen Kuchen backen, in dem ich in ein Geschäft gehe, und eben nur ein Ei kaufe.  Man kann hochrechnen, was das für den Umsatz mit sich bringt. Das sind Argumente, die Leute, die das Urheberrecht verschärfen wollen, nie bestätigen. Man kann nicht 100%ig belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen illegalem Kopieren im Internet und Umsatzrückgängen gibt. Es gibt auch Studien, die sagen, je häufiger ein Titel im Internet mit anderen geteilt wird, desto häufiger verkauft er sich auch, und desto populärer wird der Künstler. Das heißt, Sie haben schon ein Problem dabei, überhaupt eine Korrelation herzustellen. Der entscheidende Punkt ist aber: Wir werden das digitale Kopieren nicht eindämmen können. Seit Napster haben wir die Möglichkeit, Inhalte zu verbreiten und die Frage ist, wenn wir das nicht stoppen können, zu welchem gesellschaftlichen Preis kann man da jetzt Dämme einziehen?

Pauschalabgabe ist eine erste Idee, es kann noch andere Ideen geben. Man muss sich an der Weggabelung entscheiden: Möchte man härtere Strafen und damit einen Legitimationsverlust oder möchte man die Einsicht, dass die digitale Kopie da ist und nicht mehr eindämmbar ist? Es ist eine erste Idee und es kann noch ganz andere Ideen geben. Aber es muss eine Idee sein, die für die Kultur und nicht gegen die Kultur ist.

Im Film-, Musik- und Buchbereich gibt es noch kein legales Angebot, das funktioniert. Wie lange brauchen wir noch?

Wir befinden uns gerade in einem Übergang. Es gibt ja Leute, die behaupten, mit Spotify sind wir im Musikbereich ganz kurz davor. Für die Künstler funktioniert es nicht. Es gibt zumindest viele Künstler, die sagen, es hilft mir nicht, über die Streams verdiene ich nicht ausreichend Geld. Das ist durchaus ein ernstzunehmendes Problem. Es verändert die Möglichkeiten für Künstler, Umsätze zu generieren. Spotify tut ja auch einiges, um populär zu werden und sich zu verbreiten. Ich bin da sehr gespannt und traue mir gerade keine Prognose zu. Ich glaube, dass wir gerade erleben, wie sich etwas verändert, und wie einer oder mehrere Dienste realisieren können, dass man jederzeit auf Musik zugreifen kann. Es ist eine spannende Veränderung, was die Frage angeht, ob ich Musik eigentlich „besitzen“ muss. Es war jahrelang eine Kompetenz, dass man eine große Plattensammlung hatte. Jetzt braucht man die nicht mehr: Der Wert steckt in der Auswahlkompetenz und nicht mehr in dem Zugang. Das hat zur Folge, dass Kinder in einer anderen Welt aufwachsen und anders mit diesem Kulturprodukt „Song“ umgehen, der am Ende kein Produkt mehr ist, sondern eher ein Prozess. Also eher einen Verflüssigungscharakter hat. Ich glaube wir befinden uns mitten in einem Umbruch und es dauert nicht mehr lange, bis da was da ist, was wirklich funktioniert. Und dann wundern wir uns über die ahnungslosen Debatten von heute.

Welchen Einfluss hat die digitale Kultur Ihrer Meinung nach auf die Film-, Musik- und Buchbranche?

Sie verändert sie grundlegend. Daten werden von ihrem Träger gelöst. Nicolas Negroponte nannte das schon 1995 den Wandel von Atomen zu Bits. Was das konkret bedeutet wissen wir aber im Detail immer noch nicht.

Bei ihrem neuen Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“ verlegen Sie nicht wie das letzte Mal bei Suhrkamp, sondern im Selbstverlag. Das Projekt klingt vielversprechend und könnte klappen, weil Sie schon einen Namen haben. Ist Selbstverlegen doch eher etwas für gestandene Autoren?

Ich traue mir noch keine Prognose zu, weil ich es noch nicht ausprobiert habe. Und weil ich vielleicht auch noch skeptisch bin, ob es überhaupt funktionieren wird. Ich möchte es aber ausprobieren, weil ich manche Projekte aus Amerika so faszinierend fand, wo Autor und Fans in direkten Austausch getreten sind und die Autoren gesagt haben: Ich möchte dieses Buch machen, seid ihr auch daran interessiert?

Mir geht es gar nicht so sehr darum, das Buch als „Ergebnis“ zu haben, sondern mir geht es um den Prozess. Ich möchte schauen, was passiert, wenn ich sage, ich möchte so  Prozess-Buch machen. Mein Grundgedanke, den ich am Ende von Mashup hatte, war: Wenn die Digitalisierung dazu führt, dass wir Daten von ihrem Träger lösen – wenn wir sie in einen neuen Aggregatzustand überführen – dann heißt es auch, dass das, was wir als Kunst und Kultur verstehen (ein Buch, ein Film, ein Song), dass das zu Software wird. Also es ist nicht mehr das Glas als Gegenstand, sondern der Inhalt des Glases. So wie man eigentlich auch nicht mehr weiß, was die Originalversion von Firefox ist. Eigentlich ist es auch heute so, dass Songs in Versionen vorliegen. Musik kann man also eher als Versionsvariante verstehen. Eine Band geht beispielsweise ins Studio, öffnet ihren Aufnahmeprozess und ich kann eine völlig andere erste Version von einem Song hören, als der, der später verkauft wird. Wir müssen uns gedanklich von der Idee lösen, dass es einen Originalsong gibt. Es gibt eben nicht nur einen Song.

Und genau so möchte ich gerne ein Buch schreiben, von dem es natürlich am Ende eine Version gibt. Ich möchte aber offenlegen, wie ich dorthin gekommen bin. Ich möchte unterschiedliche Versionen davon ins Netz stellen. So wie Wikipedia, es ist nicht ein blanker Text, sondern es sind ganz verschiedene Varianten. Und darauf basiert meiner Meinung nach ein gedanklich wichtiger Unterschied zu dem Gegenstand „Kunst“. Er wird beweglicher, flüssig. Und da er beweglicher wird, entsteht auch ein anderer Zugang und am Ende vielleicht sogar auch andere Verwertungsmechanismen. Deswegen geht es mir gar nicht so sehr im das Ergebnis dieses Buches, sondern vielmehr um den Weg. Selbst, wenn ich es nicht finanziert bekommen würde: die Erfahrung, die ich damit mache, die ist mir so viel wert, dass ich mich bewusst dafür entschieden habe es nicht mit einem bekannten Verlag zu machen.

Interview mit Monsters of Liedermaching

VITA:

Fred, Burger, Tottovic, Pensen, Labörnski und Rüdi – eine Band ohne Hierarchie. Damit gelten die Monsters of Liedermaching durchaus als Faszinosum der deutschsprachigen Rockwelt. Aber eigentlich ist alles ganz einfach: Die sechs Herrschaften lernten sich als Solokünstler auf zahlreichen Liedermacherfestivals kennen und gründeten eine Band. Ihre Einflüsse reichen von zotiger Stand-Up-Komik bis zur ernsten Ballade, von Punkrock bis HipHop. Das alles bei einer Instrumentierung, die nur aus den obligatorischen Wandergitarren besteht. Sie singen über moderne Kommunikation und über Themen des Alltags, ob es nun um die kleinen Dinge, wie Bienen und Zwerge geht, oder um die großen (Die Liebe, das Laster, das Leben).

Es wird darüber spekuliert, ob uns das Netz zu schlechteren Menschen macht. Aber sind nicht wir Menschen es, die das Internet benutzen? Wenn das so ist, brauchen wir vielleicht eine Kindersicherung für uns selbst?

Diese Frage eindeutig zu beantworten, hieße, im gleichen Zug auch Rousseaus Theorie zum schlechten Einfluss der Zivilisation auf den Menschen letztgültig untermauern oder widerlegen zu können. Das wäre schön, ist aber leider unmöglich. Zumindest für mich als halbgebildeten Liedermacher.

Ich denke, grundsätzlich ist eine instinktive moralische Kindersicherung im eigenen Selbst notwendig, um einen reflektierten Umgang mit der Welt zu ermöglichen. Das gilt aber genauso für den Umgang mit allem anderen auf der Welt. Damit meine ich keine Form der vorgegebenen Zensur oder Tabuisierung. Niemand hat das Recht oder die Kompetenz, einem anderen Menschen seine Vorstellungen zu oktroyieren.

Meine Vermutung ist schon, dass mediale Netzwerke nicht grundsätzlich mit bösem oder schlechtem Hintergrund geschaffen werden, sondern im Grunde dem Forschungsdrang des Menschen entsprechen, das Leben zu vereinfachen oder zu verbessern. Die „Verschlechterung des Menschen“ durch verbesserte Verbreitungsmöglichkeiten von Informationen und Gedanken war bestimmt nicht Grundlage der Erfindung des Buchdrucks. Dennoch passiert auch das, nennen wir nur mal „Mein Kampf“ als prominentes Beispiel.

Marquis de Sade hat einst  richtig – wie ich finde (aber ich kann mich natürlich irren) -  formuliert, dass der Fehler darin läge, vom „Menschen“ als einem grundguten Wesen auszugehen, welches nur durch Abnormitäten zu bösen Taten oder Gedanken fähig wäre.

Eine Möglichkeit wie das Internet kann Segen und Fluch sein, aber wer wäre ich, zu beurteilen, welche Waagschale schwerer wiegt? Die Möglichkeiten der breiten Streuung von Informationen in schlechter wie in guter Hinsicht sind sicher enorm gewachsen, die Gefahr der Verdumpfung dadurch ist für den Menschen sicher ebenfalls gewachsen. Aber im Grunde ist das nur eine Weiterentwicklung von Kommunikation grundsätzlich – seit es den Menschen gibt, gibt es Konversationsmöglichkeiten. Und die waren immer in der Lage, guten wie schlechten Einfluss auf Menschen auszuüben, denke ich.

Wenn wir es also Kindersicherung nennen wollen, nach dem kategorischen Imperativ zu leben, und zwar aus eigenem Antrieb und Willen, nicht von außen bestimmt, dann bin ich Fan davon. Aber da der Mensch ein freies Wesen sein sollte, kann ich das selbstverständlich nur selbst leben und nicht fordern. Bestenfalls anempfehlen.

Menschen haben Angst, dass man ihre Häuser fotografiert. Dabei nutzen viele Menschen, die ich kenne, leidenschaftlich gerne Google-Street-View. Bekämpfen wir am Ende etwas, das uns selbst gefällt?

Klar. Aber auch da kann ich nur für mich sprechen. Ich beispielsweise habe keine Angst davor, dass man mein Haus fotografiert. Ich bin aber auch kein Verschwörungstheoretiker. Der Kampf mit den eigenen Wertvorstellungen liegt aber in uns selbst, so pathetisch das auch klingen mag. Den Wunsch, die Welt gläsern zu haben, um sie selbst zu verstehen, habe ich zum Beispiel durchaus, möchte andererseits aber selbst nicht komplett durchschaubar sein. Und – wenn ich genauer drüber nachdenke – ich will auch nicht wirklich alles über alle wissen. Es ist gleichermaßen eine Neugierde, die zur Weiterentwicklung antreibt und ein Wunsch nach Privatsphäre, die dadurch aber auch erschwert wird.

Es ist nur natürlich, dass Verbrechen im Netz den Verbrechen in der realen Welt ähneln. Es wird jedoch so getan, als ob das Netz nur aus Cybermobbing, Kinderpornografie und Lynchjustiz bestehe. Wer profitiert von dem schlechten Ruf des Netzes?

Die Neugierde, die gestillt werden will. Auch der Wunsch nach Sensationen. In jeder Hinsicht. Warum sonst sollte beispielsweise die BILD-Zeitung sonst so mächtig sein? Der Genuss liegt ja darin, einerseits die Headlines zu verbreiten und im gleichen Atemzug über die Zeitung prinzipiell zu schimpfen. Und das wird dann auch medial genutzt, also eine profitable Symbiose, die ich absolut nicht gutheiße, die aber existiert.

Im Fall einer Datenauswertung hätte eine Regierung sämtliche Informationen über meine Person. Wie wahrscheinlich ist es, dass irgendwann ein Chip entwickelt wird, der unsere Daten (Krankheiten, Berufserfahrungen, Liebesbeziehungen, Wohnortwechsel, moralische Fehlverhalten) sammelt, speichert und ggf. offenlegt? Und selbst wenn, wäre dies schlimm?

Gibt es so was nicht schon? Jedenfalls: Natürlich finde ich das schlimm, wenn alles über jeden abrufbar ist und man vor allem leicht kategorisiert werden kann, eben weil man dann auch in Schubladen gesteckt wird. Diese Schubladen dienen ja zumeist einer leichten Auswertung, die nach Richtlinien fragwürdiger Instanzen gezimmert werden. Das entspricht natürlich nicht meiner Vorstellung von der selbstbestimmten Freiheit des Menschen, die  meiner Vorstellung nach höchstes Gut sein sollte. Aber auch hier wäre es vereinfacht, nur in eine Richtung zu denken. Vom Gefühl her sage ich: Ganz schlimm, ich will nicht offen gelegt werden können. Aber kompetent ist diese eindeutige Haltung wohl auch nicht.

Angst ist das Thema unserer Zeit. Warum sind wir Deutschen so ängstlich? Warum brauchen wir immer so lange, bis wir uns an eine mediale Veränderung gewöhnen?

Angst ist  für mich kein spezifisch deutsches Thema. Angst ist Bremse wie Antrieb des Lebewesens allgemein. Ein Tier läuft ja auch nicht in den brennenden Wald, sondern in die andere Richtung.

Aber wenn ich es richtig verstehe, geht es in dieser Frage um theoretische Ängste, die von außen geschürt und aufgebaut werden, Fakten, die dramatisiert werden, um Überzeugungen daraus erwachsen zu lassen, um Menschen quasi leichter instrumentalisieren zu können, oder?

Da gibt es ja weltweit historisch abertausende Beispiele.

Aber inwiefern der dritte Teil der Frage damit zusammen hängt, verstehe ich nicht.

Brauchen wir denn so lange, um mit medialen Veränderungen umzugehen? Ich habe ja eben den Eindruck, dass wir unglaublich schnell und euphorisch jede mediale Veränderung (bzw. Neuerung) aufgreifen, ohne uns vorher mit möglichen Vor- und Nachteilen auseinanderzusetzen. Und das erzeugt bei mir schon eine gewisse Angst. Allerdings nicht als Deutscher, sondern als Mensch, der die Fähigkeit zur Reflexion für unabdingbar hält.

Die Urheberrechtsdebatte ist nicht neu. Wie könnte das Netz von Künstlern, Musikfirmen und Endverbrauchern verbessert werden? Oder anders gefragt: Wenn wir einen Medienminister hätten, was könnte er tun?

Medienminister? Es wäre schon schön, wenn das menschliche Sozialverhalten geschult würde, auch wenn das jetzt so klingt, als widerspräche ich damit meinem Wunsch nach selbstbestimmter Freiheit. Aber ich kann ja eben auch nur meine Vorstellungen hier darlegen und zwar ohne Anspruch auf die totale Richtigkeit jener. Ich denke, der Respekt vor anderen Menschen beinhaltet auch den Respekt vor dem Gut anderer Menschen, auch (oder gerade) wenn es sich um geistiges Gut handelt.   Eine extrem utopische Vorstellung.

Welche Auswirkung hat die Kultur im Internet für junge Bands? Oder anders gefragt: Was haltet Ihr davon, wenn man sich Eure Songs kostenfrei im Netz anhören kann?

Zum einen die Möglichkeit der schnellen Verbreitung. Die Vereinfachung der Umsetzung von künstlerischen Vorstellungen. Zum anderen wird das aber im gleichen Augenblick belangloser, denn das Zeitfenster für die künstlerische Entwicklung wird immer enger. Wahrscheinlich schadet das auch der kreativen freien Entfaltung, denn man wird ja förmlich mit Vorstellungen anderer bombardiert. Man kann sich rasch bemerkbar machen, verschwindet aber genauso rasant wieder in der Flut der Neuigkeiten. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer geringer. Natürlich leidet die Originalität darunter. In der Musik beispielsweise  ein ganzes Album mit einem strukturierten Konzept zu produzieren, wird unglaublich schwer, weil kaum jemand ein Album ganz durch hört, sondern nur schnell in allem rum pickt und dann weitersurft.

Auch weiß man nicht mehr ansatzweise, ob viele Klicks wirklich einer Verbreitung der Kunst nahekommt: Ich hab doch keine Ahnung, ob die Personen das Lied jetzt gehört oder nur mal kurz angeklickt und sich derweil mit was ganz anderem beschäftigt haben? Bei Menschen, die sich einen physischen Tonträger gekauft haben, ist die Wahrscheinlichkeit ungleich höher, dass die sich das Ding dann auch angehört haben.

Aber was wir davon halten, ist  (ich sag mal polemisch: leider) nicht von Belang, denn diese Möglichkeit ist ein Fakt und wohl kaum zurückentwickelbar.

Was haltet ihr von einer „Kulturflatrate“ im Netz?

Was ist eine Kulturflatrate? Auf jeden Fall ein hässliches Wort. Aber was bedeutet das? All you can hear? XXL-Menüs bei geringem Aufpreis?

Welche Rolle spielen die Netzmedien bei der „Bekanntmachung“ Eurer Band?

Wie gesagt, es gibt uns die Möglichkeit der breiten Streuung von Informationen unserer Band. Auch eine Vervielfältigung der Möglichkeiten, denn wir können sehr einfach alle Bereiche (außer olfaktorischen), also lesbare, visuelle und hörbare, nutzen. Wir können auch durch Newsverbreitung sehr aktuell agieren. Aber eben nur theoretisch, da ich nicht weiß, ob besagte Informationen (Portraits, Lieder, Konzerttermine, Interviews, Podcasts etc.) überhaupt aufgenommen werden oder nur  ungenutzt auf Bildschirmen flackern.

Nichtsdestotrotz bedienen wir uns durch aus äußerst intensiv mit den Netzmedien, denn  – ob wir das jetzt gut finden oder nicht – sie lösen andere Verbreitungsmöglichkeiten ab und so ist eine Abhängigkeit entstanden.

Wie weit würdet ihr im Online-Bereich (YouTube) gehen, um als Band aufzufallen?

Das liegt schon lange nicht mehr in unserer Hand. Jeder kann ja über uns posten. Wir selbst gehen von unserer Seite genau so weit, dass wir unser Bild in Sachen Außenwirkung komplett mit gutem Gewissen vertreten können.