Interview mit Tilo Jung

Der Journalist Tilo Jung ist mit seinem Interview-Format Jung&Naiv bereits seit einem Jahr erfolgreich. Erst in den letzten Wochen hat er aus der Ukraine berichtet und möchte nun im Rahmen der Wahlen zum Europäischen Parlament verschiedene Länder in Europa bereisen. Die Sicht auf Europa nur durch die deutsche Brille erscheint ihm zu eng und zu einseitig. Um seine journalistische Unabhängigkeit zu wahren, wagt er ein weiteres Crowdfunding-Projekt. Wird er sein angepeiltes Budget erreichen und auch diesmal erfolgreich sein?

Gina Schad: Wir sprechen über dein 2. Crowdfunding-Projekt. Was ist bei diesem Projekt anders, was ist neu?

Tilo Jung: In diesem Jahr ist eine Menge passiert. Das kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken. Bei unserem ersten Projekt hatten wir schon einige Folgen gedreht, bevor wir mit dem Crowdfunding gestartet sind. Die Folgen sind dann nach und nach deutlich besser geworden. Irgendwann wurden auch die Medien auf unser Format aufmerksam, und wir sind im Fernsehen gelandet. Aktuell sind wir bei dem kleinen Sender joiz und können von “Jung & Naiv” leben. Unser wichtiges Ziel dabei: Wir wollen mit unserem Projekt unabhängig bleiben. Das ist eine unserer wichtigsten Prioritäten: die redaktionelle Hoheit. Ansonsten haben wir gute Erfahrungen gemacht, mit unserem minimalistischen Stil.

Das neue Crowdfunding hat im Vergleich zum letzten wirklich “Projektcharakter”. Wir wollen durch Europa reisen und die Welt der EU erkunden. Mal gucken, was dabei herauskommt.

Du hast dich für eine Crowdfunding-Summe von 15.000 Euro entschieden. Macht ihr den Trip auch, wenn 5.000 Euro fehlen?

Nee. Also wir waren vor drei Wochen in der Ukraine. Das war quasi ein Test für die geplante Tour. Den Road Trip durch die Ukraine haben wir aus eigener Tasche bezahlt, das können wir jedoch nicht auf Europa ausweiten. Die einzige Möglichkeit ist für uns daher Crowdfunding. (Und ich fand die Idee, ein Jahr nach dem ersten Projekt wieder die Crowd um Unterstützung zu bitten, irgendwie richtig. Ich bin überzeugt: Das bringt auch die Sendung weiter.)

Zudem bräuchten wir eigentlich noch mehr Geld. Die 15.000 Euro gehen ja schon alleine dafür drauf, dass wir durch die Gegend fahren wollen. Für Unterkunft, für Verpflegung, für Benzin, für Fixer und Übersetzer. Wahrscheinlich bräuchten wir eher 30.000 Euro, um die komplette Reise problemlos zu finanzieren. Das wäre deutlich stressfreier. Wir müssten dann nicht auf jeden Cent achten; so bleibt am Ende nichts übrig. Aber beim Crowdfunding braucht man eben eine Mindestsumme, die man erreichen möchte. Die Summe, die wir angegeben haben, ist auch keine utopische Summe. Es macht leider keinen Sinn, mit ein paar Tausend Euro weniger loszufahren.

Warum muss es gleich eine Reise durch ganz Europa sein?

Die Länder Europas sind sehr unterschiedlich. Wir werden natürlich nicht überall hinreisen können, klar. Aber wir wollen z.B. herausfinden, wie das damals in Griechenland war und es heute ist. Ich möchte auf jeden Fall die Länder, die in den letzten Jahren die europäische Politik bestimmt haben, bereisen. Ich möchte mir das vor Ort angucken. Ich möchte die Länder besuchen, die in den letzten Jahren von Deutschland in gewisser Weise abhängig waren. Wir haben ja einen ziemlich verqueren Blick auf Europa. Auf einmal sind die Deutschen die Starken. Dazu kommt: Die Leute können teilweise auch mit dem Europabegriff nichts anfangen. Das möchte ich ändern.

Auf deiner Crowdfunding-Seite schreibst du darüber, dass ausländische Medien dich, anders als bei uns in Deutschland, nicht ignorieren. Warum sollte das so sein?

Ich bin erst einmal happy, dass es internationales Interesse an Jung & Naiv gibt. Am Ende haben wir Material und Filme aus der Ukraine mitgebracht, die anders sind als die üblichen Berichterstattungen, finde ich. Das Desinteresse hierzulande ärgert mich daher ein wenig. Aber gleichzeitig war es auch schön zu sehen, dass unser Projekt internationale Aufmerksamkeit gefunden hat. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass fast alle Videos aus der Ukraine nicht auf Deutsch waren.

Wie soll es mit Jung&Naiv weitergehen?

Ich möchte das Projekt weniger auf die politische Stimmungslage in Deutschland ausrichten. Ich finde, das Format hat eine internationale Komponente. Ich möchte gerne öfter um die Welt reisen, wenn es sich ergibt: Spontan z.B. nach Istanbul, wenn es dort brennt, oder spontan nach Brasilien. Warum nicht einfach zur WM fahren und den Fußball komplett ignorieren und sich mit dem Land befassen. Mit den Menschen reden. Wir leben schließlich in einer revolutionären Welt. Es brodelt gerade. Vielleicht müssen wir verstehen, wie die anderen fühlen, um zu verstehen, was passiert.

Am Anfang unseres Interviews hast du gefragt, was in diesem Jahr passiert ist. Wir haben es geschafft, keinen Einfluss zuzulassen. Mit dieser Freiheit ist die Sendung so gut geworden wie sie jetzt ist. Das war eigentlich das Wichtigste im letzten Jahr für uns: Dass man erfolgreich sein kann, ohne seine journalistische Hoheit abzugeben.
Und überhaupt: Man kann mit Journalismus kein Geld verdienen? Einfach mal die Augen öffnen! Es geht durchaus. Dieses branchenübergreifende Lamentieren, dass man kein Geld damit verdienen kann, ist meines Erachtens übertrieben. Man kann mit Journalismus Geld verdienen. Wir haben es ja geschafft, eine eigene Idee hochzuziehen. Und ich kann mir als Journalist keine besseren Arbeitsbedingungen vorstellen.

(Dieses Interview ist zuerst auf netzpiloten.de erschienen)

Interview mit Tobias Gillen

tobiasgillenWer bist du und was machst du?

Mein Name ist Tobias Gillen, ich arbeite von Köln aus als freiberuflicher Medien- und Technikjournalist für mehrere Print- und Online-Medien. Zudem bin ich seit kurzer Zeit stolzer E-Book-Autor mit meinem E-Book „Verschlüsselt! Wie ich sichere Kommunikation im Netz lernte“. Ansonsten genieße ich meine Freizeit am Rhein, halte schöne Momente gerne fotografisch fest und freue mich aktuell, euch Rede und Antwort stehen zu dürfen, liebe medienfische.

Dein aktueller Fang?

Mein aktueller Fang ist sicherlich mein E-Book über verschlüsselte E-Mail-Kommunikation, sicheres Surfen und bombenfeste Passwörter. Weniger neu, aber dafür auch aktuell, darf ich meinen Blog natürlich nicht vergessen, der mich ständig begleitet und mir Raum gibt, Gedanken und Ideen zu veröffentlichen.

Wie bist du darauf gekommen, ein E-Book wie „Verschlüsselt!“ zu schreiben?

Ehrlich gesagt ist das meinem schlechten Gewissen geschuldet. Im Zuge des Geheimdienst-Skandals ist mir bewusst geworden, dass ich Auftraggebern, Kollegen und Informanten überhaupt keine Möglichkeit gegeben habe, mich verschlüsselt zu kontaktieren. Als Technik-Journalist sollte es für mich wohl ein leichtes sein, so etwas wie PGP oder S/MIME einzurichtet – weit gefehlt. Und genau so ist mein E-Book auch geschrieben: Sehr ehrlich, von einem Anfänger für Anfänger. Die Resonanz darauf zeigt: Ich bin nicht allein.

Warum sollten wir unsere Mails überhaupt verschlüsseln?

Diese Frage bekomme ich seit der E-Book-Veröffentlichung häufiger gestellt. Gegenfrage: Warum sollten wir es nicht tun? Einmal eingerichtet, braucht es nur ein paar Klicks und man kann eine sensible Nachricht schon wirksam vor neugierigen Blicken schützen (sicher nicht vor allen, aber vor einigen). Die NSA-Enthüllungen haben doch eins gezeigt: Für unsere Privatsphäre müssen wir schon selbst sorgen, das macht keine Regierung für uns.

Leben wir nicht längst alle Post-Privacy? Passt das zusammen: Post-Privacy leben und Mails verschlüsseln?

Nur weil wir heute vielleicht mehr von uns preisgeben als noch vor ein paar Jahren bedeutet das ja nicht gleich, dass wir keine Geheimnisse mehr haben oder sensible Daten von A nach B geschickt werden müssen. Demnach: Natürlich passt das zusammen.

War für dich von Anfang an klar, dass es ein E-Book werden soll?

Nein, ursprünglich war es als Artikelserie geplant. Aber mit der Zeit zeigte sich, dass das Ding Potenzial hat, für viele Leute eine Anleitung zu werden, die man lieber an einem gesammelten Ort hat als in zehn Teilen verteilt im Internet. Außerdem war es für mich dann auch ein Experiment um zu sehen, ob sich das Selfpublishing für uns Journalisten lohnen kann und wie man mit all den Aufgaben (Vermarktung, Konvertierung, etc.) alleine klar kommt.

Wie viele Seiten sollte ein E-Book deiner Meinung nach mindestens haben?

Na das ist pauschal nicht zu sagen. So weit ich weiß sehen die Leser einen Preis von 2,99 Euro für ca. 100 Seiten auf einem Kindle als gerechtfertigt an. Ich habe mich daran nicht orientiert, es war fertig, als es fertig war. Und der Preis ist mit 2,99 Euro so niedrig, dass er keine große Hürde darstellt und das Buch auch gelesen wird. Auf der anderen Seite ging es aber auch nicht billiger, weil Amazon ansonsten statt 30 Prozent satte 65 Prozent der Einnahmen verlangt.
Aber noch mal zu deiner Frage: Was spricht dagegen, wenn jemand einen schönen Gedichtband mit 20 Gedichten hat, nur 20 Seiten zu veröffentlichen? Es gibt keine Grenzen, wir haben keinen Verlag im Rücken und alle Freiheiten.

Was erwartest du in den nächsten Jahren konkret vom Selfpublishing? Werden wir uns alle wieder beruhigen oder geht’s jetzt erst richtig los?

Also so aufgeregt finde ich es gar nicht. Dass wir uns mit Blogs eine Stimme verschaffen, wird sich sicher nicht irgendwann wieder legen als sei es eine Modeerscheinung gewesen. Und auch im E-Book-Markt ist noch eine ganze Menge Luft nach oben – auch und insbesondere in Deutschland.

Was hältst du von einer Mischung aus Crowdfunding und Selfpublishing? Und wie gut/schlecht ist es gegenüber der Crowd, das Buch danach einem normalen Verlag anzubieten?

Der Vorteil beim Crowdfunding ist natürlich, dass man ein aufwendiges Projekt vor der Arbeit erst einmal auf den Prüfstand stellen kann: Interessiert es die Leute? Wie ist die Resonanz? Würden Menschen wirklich Geld dafür ausgeben oder investieren? Zudem kann man dann ganz ohne finanzielles Risiko schreiben, was bei mir zum Beispiel nicht der Fall war – auch, wenn sich das Risiko hier im kleinen Rahmen gehalten hat.

Bist du – was den Stand der digitalen Möglichkeiten angeht – verwirrt oder glücklich?

Überglücklich! Ich könnte mir ein schöneres Arbeiten als momentan überhaupt nicht vorstellen. Ohne Internet und die digitalen Möglichkeiten wäre das undenkbar. Verwirrt bin ich nur von Wikipedia-Artikeln über PGP und S/MIME – aber dazu mehr in meinem E-Book…

Interview mit Ole Reißmann

Ole ReißmannWer bist du und was machst du?

Ich bin Ole Reißmann, arbeite als Redakteur bei Spiegel Online im Ressort Netzwelt und finde Dinge heraus. Außerdem machen ich Internet-Sachen: Bloggen, Twittern, das Netz erklären. Gerade habe ich im Wintersemester an der Universität Hamburg Nachwuchs-Journalisten unterrichtet.

Dein aktueller Fang?

Wir berichten seit mehr als einem halben Jahr über die Enthüllungen, die durch Edward Snowden möglich wurden. Für mein Ressort die größte Geschichte seit Jahren. Wenn mich Freunde fragen, warum ich mich die letzten Monate so wenig gemeldet habe, schicke ich ihnen diese Infografik: http://spon.de/ad6MD

Wir medienfische haben in unseren ersten Interviews vor einem Jahr unsere Interviewpartner gefragt, ob wir einen Medien- (oder Internetminister) in Deutschland brauchen. Damals hat sich niemand wirklich dafür interessiert. Woran liegt es, dass jetzt diese öffentliche Debatte angekommen ist, ob wir einen Internetminister brauchen?

Wenn Politiker die NSA-Affäre aussitzen wollen oder ein Provider falsche Flatrates verkauft, dann fällt das mehr Menschen auf, weil mehr Menschen das Internet nutzen und sich damit immer besser auskennen. Ich glaube, es wird immer deutlicher, was alles nicht passiert: Der Breitbandausbau wird verschlafen, die Netzneutralität ist in Gefahr, vom Schutz privater Daten kann oft keine Rede mehr sein und so weiter. Fünf Ministerien kümmern sich irgendwie ein bisschen ums Digitale.

Butter bei die Fische: Brauchen wir einen Internetminister?

Klar brauchen wir den. Ein voll ausgestattetes Ministerium bedeutet ja, dass sich Hunderte Mitarbeiter um diese Themen kümmern können. Dann könnte es wirklich eine Digitale Agenda geben, also einen Plan, wie der Staat auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagiert. Ich glaube, die Auswirkungen sind gravierender, als es die existierenden Institutionen gerne hätten. Ich weiß aber auch, dass einige Netzaktivisten lieber kein Ministerium wollen, aus Angst, das könnte dann womöglich von der Union besetzt werden und das sei dann schädlich für die Freiheit im Netz. Aber letztlich geht es doch auch um politischen Streit.

Kann man die Piraten mit den Grünen vergleichen? Die Grünen haben damals einen Umweltminister ins Spiel gebracht. Sind die Piraten in dieser Sache überhaupt noch _wichtig_?

Tja. Ich habe eine Zeit lang über die Piratenpartei geschrieben. Anfangs sah es ein bisschen so aus, oder? Aber dann haben die Piraten offenbar beschlossen, allen zu zeigen, warum Politik besser doch nicht von sozial überforderten Foristen gemacht werden sollte. Ich würde sagen, die Piraten waren wichtig, denn nun sind die anderen Parteien aufgewacht. Wozu das letztlich geführt hat und wie ernst Netzpolitik oder die Öffnung von Parteistrukturen genommen wird, ist wieder eine andere Frage.

Nach Prism und Tempora: Wir Fische kennen uns noch nicht so wirklich mit Verschlüsselung aus. Was rätst du uns?

Einfach mal anfangen. Mit E-Mails und Chats geht das einigermaßen einfach, dafür gibt es Anleitungen und Cryptopartys. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn jemand dringend unsere Kommunikation ausspähen will und die Ressourcen eines Geheimdienstes hat, dann schafft er das wohl auch. Aber wenn man verschlüsselt, macht man es Angreifern schwerer: Sie müssen einen dann direkt angehen und können nicht einfach nur ein großes Schleppnetz auswerfen. Wir haben alle etwas zu verbergen, und wir können Whistleblowern, Anwälten, Ärzten, Seelsorgern, Journalisten helfen, wenn wir verschlüsseln.

Warum heißt es eigentlich Netzpolitik – und nicht Medienpolitik? Das Wort „Medienpolitik“ hört man nicht mehr so oft. Woran liegt das?

Medienpolitik gibt es einfach schon ein paar Jahrzehnte, ein klassisches Politikfeld, hinter dem viel Länderpolitik steckt: die Regulierung des Rundfunks, Jugendschutz und Tagesschau-App. Das Internet hat dieses Politikfeld auf den Kopf gestellt, auch wenn die Institutionen das noch nicht ganz gemerkt haben. Netzpolitik ist mehr als Medienregulierung.

Anonymous ist für dich eine Gruppe, die …

Nein, keine Gruppe, mehr ein Protestlabel mit ein paar Grundannahmen. Anonymous ist für mich eine neue soziale Bewegung, die eng mit dem Internet und der Chankultur verwoben ist, der Forensubkultur, und die nun weltweit in Erscheinung tritt. Ich habe mit meinen Kollegen vor zwei Jahren ein Buch über Anonymous geschrieben, seitdem ist viel passiert: Ein wichtiger Hacker war FBI-Informant, mehr als ein Dutzend Aktivisten stehen für den Sitzstreik gegen PayPal vor Gericht. Die “New York Times” hat gerade in ihrem Magazin ausführlich über neue Entwicklungen berichtet.

Wenn du Netzwelt-Forscher wärst und dafür sehr viel Geld für eine Forschung bekommen würdest, an was würdest du aktuell länger forschen wollen?

Wie kommen die zwei Drittel der Weltbevölkerung online, die bisher das Internet nicht nutzen? Will man die kühnen Ideen wirklich Facebook und Google überlassen? Und wie kann das Internet geschützt werden vor Manipulation durch Regierungen und Umbauversuche durch Unternehmen?

Bist du – was den Stand der digitalen Möglichkeiten angeht – verwirrt oder glücklich?

Glücklich verwirrt. Es passiert gerade so viel auf der Welt, mit und durch das Netz. Revolution ist noch gar nicht der richtige Ausdruck dafür. Kann schon sein, dass man die Bedeutung der Zeit, in der man lebt, gerne überbewertet und sich damit selbst überhöht. Trotzdem scheint mir das gerade alles sehr aufregend und voller interessanter Widersprüche zu sein.

Interview mit Felix Stalder

Im Interview mit den Netzpiloten spricht der Medientheoretiker Felix Stalder über Vor- und Nachteile von Transparenz und die Monopolstellung von sozialen Netzwerken.

Auf der Konferenz “Einbruch der Dunkelheit” sprachen wir mit dem Medientheoretiker und Aktivisten Felix Stalder über Transparenz, Facebook und was die Telekom mit sozialen Netzwerken gemeinsam hat. Für Stadler ist Transparenz vor allem Sichtbarkeit, die einen sehen lässt, wer jemand anderes ist. Das ist die Grundlage von Vertrauen. Trotzdem kann Transparenz uns schaden, zum Beispiel wenn wir transparent gemacht werden gegenüber Institutionen und Akteuren, die uns gegenüber eben nicht transparent sind. Es sollte deshalb politisch erzwungen werden, dass wir mit Freunden bei Facebook auch kommunizieren können, ohne selbst dort angemeldet zu sein.

Gina Schad: Warum reden wir eigentlich über Transparenz?

Felix Stalder: Weil es ein Bedürfnis, eine Notwendigkeit gibt zu wissen, was in mächtigen Institutionen passiert. Und das ist auch die traditionelle Idee von Transparenz im politischen Sinne, dass wir erfahren, was innerhalb von Institutionen passiert. Und wenn dort etwas passiert, was nicht passieren sollte, haben wir Mechanismen über die Gesetze und über politische Prozesse, um einzugreifen.

Sollte aus diesem Grund Transparenz auch anders gedacht werden?

Das Problem mit der Transparenz ist, dass sie eben nicht nur im klassischen Sinne gegenüber Institutionen des Staates oder großen Firmen benutzt wird, sondern eben auch, um Netzwerke zu strukturieren. Und da hat sie eine ganz andere Wirkung: Anstatt, dass sie die Träger der Macht sichtbar und damit verantwortbar für ihre Handlungen macht, erweitert Transparenz in diesen Netzwerken die Reichweite der Mächtigen, weil diese jetzt besser durch das Netzwerk agieren können; sie können mehr sehen und besser und genauer eingreifen. So eingesetzt hat Transparenz genau den gegenteiligen Effekt: Anstatt, dass Transparenz die Macht kontrolliert, erweitert sie die Macht. Das ist das Problem mit dem Begriff der Transparenz.

Sollten wir uns alle mehr trauen? Oder anders gefragt: Warum ist Transparenz wichtig?

Transparenz ist Sichtbarkeit; dass wir sehen, wer jemand anderes ist, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, was eine Person bisher gemacht hat, und wie wir sie ungefähr einschätzen können. Dies ist Voraussetzung für soziales Vertrauen. Ich kann nur einer Person vertrauen, wenn ich abschätzen kann, wie diese Person handelt. Eines der Dinge, die das Internet kreiert hat, ist eben diese Form von Sichtbarkeit.

Die Frage an der Stelle ist, wie bewahren wir eigentlich den Teil, der sehr positiv ist, ohne dass wir uns ausliefern gegenüber zentralen Instanzen wie beispielsweise Facebook, die zwar ermöglichen, dass wir uns gegenseitig sehen, aber gleichzeitig zu dem Preis, dass sie alles auch sehen?

Wir sind gerade bei einem negativen Beispiel. In welchen Fällen könnte uns Transparenz schaden?

Transparenz schadet uns, wenn wir transparent gemacht werden gegenüber Institutionen und Akteuren, die sich uns gegenüber nicht transparent verhalten. Wenn Transparenz auf einer horizontalen Ebene stattfindet zwischen Personen, die sich gegenseitig sehen, und dabei im Hintergrund eine Stelle beobachtet, was in dem Netzwerk passiert, und entsprechend das Netzwerk so manipulieren kann, dass das, was in ihrem Interesse passieren sollte, auch tatsächlich passiert. Oder anders gesagt: dass das, was passiert oder passieren kann, aufgrund der Tools und der Möglichkeiten im Interesse dieser einen zentralen Instanz ist und vielleicht nicht so sehr im Interesse all dieser Leute, die darauf angewiesen sind sich in diesem Netzwerk zu bewegen.

Aber denkt man nicht immer, dass man, was man über sich mitteilt, doch selbst in der Hand hat?

Man hat es ganz fundamental eben nicht in der Hand, weil die Tools, mit denen man kommuniziert, bereits vorgegeben sind. Man hat natürlich in der Hand, was man kommuniziert. Facebook sind die Inhalte eigentlich egal. Facebook möchte, dass man seine Tools nutzt, und dass man Verbindungen schafft und damit für das Unternehmen immer sichtbarer wird. Die Frage, die sich uns stellt: Wie gehen wir mit dieser Situation um? Die Antwort, die uns an dieser Stelle meist gegeben wird, lautet: Du bist ja freiwillig da. Wenn es Dir nicht passt, dann geh doch. Und tatsächlich ist es diese Art und Weise, wie Macht auf Transparenzbasis funktioniert: Es ist tatsächlich freiwillig. Niemand zwingt uns zu Facebook zu gehen. Aber die Wahl ist eben nicht frei, weil die Optionen so unterschiedlich sind. Entweder ich habe den Zugang zu allen meinen Freunden, oder zu niemandem. Und das ist natürlich keine freie, faire Wahl. Insofern wird Zwang ausgeübt, obwohl man seinen Einstieg in das soziale Netzwerk freiwillig entscheidet. Und eine der Möglichkeiten, dies zu ändern wäre beispielsweise zu sagen: Facebook muss sein Protokoll öffnen, so dass es mir möglich ist, mit Leuten bei Facebook zu kommunizieren, ohne selbst dort sein zu müssen. D.h. ich könnte sagen: Mit meinen Freunden möchte ich weiter kommunizieren, aber nicht unter den Bedingungen, die Facebook mir anbietet.

Jetzt aber ein alternatives Netzwerk zu gründen ist praktisch unmöglich, weil alle schon in einem Netzwerk sind. Wenn ich mit meinen Twitter Followers reden will, muss ich das bei Twitter machen. Immerhin erlaubt Twitter auch ganz viele verschiedene Clients. Aber es läuft dennoch alles über ihre Server. Es stellt sich daher die Frage: Gibt es nicht Möglichkeiten, Messages zu bekommen von Leuten, die auf Twitter sind, ohne dass ich selbst dort bin?

Und wie sollte das funktionieren?

Ähnlich wie E-Mail auch funktioniert: Es ist möglich, mit jemandem, der bei Google ist, zu kommunizieren, ohne selbst bei Google zu sein. D.h. das Protokoll ist offen und verschiedene Organisationen bieten Dienste aus diesem Protokoll an. Ich kann zu Google gehen, kann meinen eigenen E-Mail-Server machen, oder zu einem Anbieter gehen, der eine starke Verschlüsselung hat, oder was auch immer. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Providern, die auf einem offenen Protokoll agieren. Und deshalb kann ich auch, wenn ich will, meinen E-Mail-Provider wechseln und mein Adressbuch mitnehmen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das funktioniert?

Technisch ist das kein Problem. Es muss der politische Wille da sein, dies zu erzwingen. Den sehe ich im Moment überhaupt nicht. Wir hatten eine ähnliche Situation schon einmal mit dem Telekom-Monopol. Wo die Telekom auch gesagt hat: wir müssen das ganze Netzwerk kontrollieren, sonst bricht alles zusammen. Und dann kam doch der Gesetzgeber, der den Monopolisten gezwungen hat, das Protokoll aufzumachen. Das ist möglich.

Können Sie uns eine Zukunftsprognose geben? Was kommt nach Einbruch der Dunkelheit?

Es wird heller, irgendwann. Wann genau, das ist unklar. Ich denke, die verstärkte politische Auseinandersetzung mit diesen Fragen … wäre ein guter Anfang.

Wie wichtig ist so eine Konferenz wie diese hier?

Ich glaube, eine derartige Konferenz ermöglicht, dass Themen, die in sehr spezifischen Communities diskutiert werden, in andere Communities übertragen werden können. Ich sage nicht, dass es die ganz große Öffentlichkeit ist, aber ich glaube, viele Leute, die hier waren und die nicht so tief in dem Diskurs drin sind, tragen die Erkenntnisse, die sie hier gewonnen haben, in ihre Öffentlichkeiten weiter. Und ich glaube, diese Fähigkeit ist genau das, was eine Konferenz gut leisten kann.

Also brauchen wir mehr solche Diskussionen?

Ich glaube solche Diskussionen sind durchaus nützlich, um unterschiedliche Erfahrungen abzugleichen.

(Dieser Beitrag ist zuerst auf netzpiloten.de erschienen)

Brauchen wir ein Recht auf Vergessen im Internet?

Wir leben in einer vernetzten Welt. Leben in digitaler Wachsamkeit und hinterlassen trotzdem ohne es zu realisieren Spuren im Netz. Durch die Prism-Affäre der NSA sind wir sensibilisiert. Sollten wir über ein Recht auf Vergessen nachdenken?

Nach den Enthüllungen von Edward Snowden und dem Bekanntwerden der globalen Überwachung des Internets stellt sich die Frage nach rechtlichen Regelungen, die verhindern, dass auf unsere persönlichen Daten zugegriffen wird. Wir brauchen europäische Regelungen, die verhindern, dass Unternehmen und der Staat ohne unsere Einwilligung und ohne Rechtsgrundlage auf unsere Daten zugreifen. Wie sinnvoll ist in diesem Zusammenhang das Postulat nach einem Recht auf Vergessen? Auf der Konferenz “Einbruch der Dunkelheit” wurde nach Antworten gesucht.

“Einbruch der Dunkelheit” – so lautete der Titel einer internationalen Tagung, zu der die Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Berliner Volksbühne und der Berliner Gazette Ende Januar an den Rosa-Luxemburg-Platz eingeladen hatte. Getroffen haben sich Netzaktivisten, Künstler, Politiker, Philosophen und andere Wissenschaftler, die das Phänomen der wachsenden Sicherheitsgesellschaft gemeinsam reflektierten wollten. Veranstaltungen, die die Grenzen und Chancen des Netzes thematisierten, gab es gerade im Januar einige, doch keine, die wie diese Veranstaltung restlos ausgebucht war. Vielleicht lag es an den Räumen der Volksbühne, die natürlich für so eine Veranstaltung eine wunderbare Atmosphäre schufen. Überhaupt würde man sich viel mehr solcher Veranstaltungen wünschen.

Die Veranstaltung, die ich mir nicht entgehen lassen wollte, war im Programmheft mit dem Titel “Digitale Wachsamkeit und das Recht auf Vergessen” angekündigt. Referent war Johannes Masing, Richter am Bundesverfassungsgericht und Professor für Öffentliches Recht an der Universität Freiburg. Der Jurist diskutierte die Frage nach einem “Recht auf Vergessen” im Internet und danach, wie man ein solches Recht mit juristischen Mitteln verankern könnte. Der Vortrag mitsamt seinen sieben Thesen war mit Sicherheit sehr informativ, jedenfalls für diejenigen, die sich über die aktuelle Netzdiskussion einen Überblick verschaffen wollten. Für die Vernetzten, die sich bei Minusgraden auf dem Weg in die Volksbühne gemacht haben, brachte dieser Vortrag jedoch nicht viel neuen Input hervor.

In der anschließenden Diskussion, in der sich die Politikerin Anke Domscheit-Berg und der Aktivist Frank Rieger zu Wort meldeten, konnte die Thematik noch einmal vertieft werden. Anke Domscheit-Berg stellte fest “Wer überwacht wird, ist nicht frei” und machte deutlich, dass es gar nicht gehe, heute in einer Demokratie Überwachungsmethoden wie das System Prism zu verwenden. Sie habe nicht damit gerechnet, dass sie in einer Demokratie derartige Stasi ähnliche Praktiken nochmals erleben müsse. Und ist frustriert. Ein wichtiger Punkt, auf den sie weiter eingeht, lautet, dass jeder von uns etwas zu verbergen habe. Oftmals seien es unwichtige Informationen, die uns verdächtig werden ließen. Dies bedeutet ihrer Ansicht nach, dass Grundrechte beschränkt werden, obwohl wir eigentlich in einer Demokratie leben, die diese Rechte verfassungsrechtlich garantiere.

Der Aktivist Frank Rieger differenzierte: Wir brauchen seiner Ansicht nach kein Recht auf Vergessen gegenüber gleich Mächtigen, aber gegenüber mächtigeren Akteuren bräuchten wir das Recht, unsere Daten löschen zu lassen. Aus seiner Sicht ist Datenschutz Machtregulierung, weshalb wir Regeln für den Machtausgleich benötigten. Das Recht sollte seiner Ansicht nach den Anspruch erheben, Macht zu regulieren. Johannes Masing ist der Überzeugung, dass jeder Einzelne ein Recht auf Vergessen habe. Es existiere bereits zum Teil, es müsse jedoch weiter ausgebaut werden. Frank Rieger ist davon überzeugt, dass wir keine Ahnung hätten, wer welche Daten von uns verarbeite. Die Datenschutzregulierung könne man vergessen. Wenn jemand Interesse an seinen persönlichen Daten habe, dann möchte er genau wissen, was damit gemacht werde.

Anke Domscheit-Berg forderte ein Recht auf vollständige Allgemeine Geschäftsbedingungen zur Speicherpraxis und stellte die berechtigte Frage: “Warum passiert nichts in der EU“? Man werde gespeichert und nicht vergessen. Frank Rieger meinte, wir sollten auf nationaler Ebene eigene Regeln entwickeln und ausprobieren. Er vertrat die Ansicht, dass eine digitale Selbstverteidigung einen guten Ansatz darstelle. Vielleicht bedürfe es aber auch einer “Transparenz der Intransparenz“, wie Anke Domscheit-Berg gegen Ende der Diskussion forderte. Nationale Regelungen seien ihrer Meinung nach kein Schutz, weshalb wir internationale Regelungen bräuchten. Europa wäre ihrer Meinung nach ein geeigneter Raum, um damit zu beginnen. Frank Rieger wies schließlich noch darauf hin, dass wir in Deutschland eine Vorbildfunktion hätten. Unser Kommunikationsverhalten und unsere Regeln zum Datenschutz seien nicht nur für uns wichtig, sondern aufgrund unserer wirtschaftlichen Stärke auch für andere Länder. Dessen sollte man sich bewusst sein.

“Einbruch der Dunkelheit” war die Veranstaltung überschrieben, die in ihrem Verlauf doch Lichtblicke zu bieten hatte. Und von der man sich mehr wünscht, mit Akteuren, die ihre Motivation nach außen tragen. Am Ende waren es die Gespräche zwischendurch, die die Veranstaltung zu etwas Besonderem gemacht haben.

(Dieser Beitrag ist zuerst auf netzpiloten.de erschienen)